{"id":104,"date":"2011-02-06T18:54:10","date_gmt":"2011-02-06T17:54:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=104"},"modified":"2012-03-01T18:20:41","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:41","slug":"grosse-geheimnisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/02\/06\/grosse-geheimnisse\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfe Geheimnisse"},"content":{"rendered":"<p>Die Reise kreuz und quer durch Deutschland, auf der sich Kleist gemeinsam mit Freund Brockes im Sommer 1800 befindet, ist ber\u00fchmt geworden \u2013 vor allem, weil es Kleist nicht nur gelang, den Zweck dieser Reise vor seinen Freunden und Verwandten geheim zu halten, sondern auch vor seiner Nachwelt, bis heute. <!--more-->Die Briefe an die Schwester Ulrike und die Verlobte Wilhelmine lesen sich, nun ja, sehr eigenartig. Willk\u00fcrlich herausgegriffen seien hier die ersten S\u00e4tze aus seinem <em>Brief an Ulrike vom 21. August 1800<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Du vergi\u00dft doch nicht, da\u00df ich Dir allein meinen Aufenthalt mittheile, u. da\u00df er aus Gr\u00fcnden jedem andern Menschen verschwiegen bleiben mu\u00df? Ich habe ein unumschr\u00e4nktes Vertrauen zu Dir, und darum verschweige ich Dir nichts, was zu verschweigen nicht nothwendig ist. Vertraue auch mir, u. thue keinen eigenm\u00e4chtigen Schrit, der \u00fcblere Folgen haben k\u00f6nnte, als Du glaubst.<\/p><\/blockquote>\n<p>So oder \u00e4hnlich schreibt Kleist fast in jedem \u00fcberlieferten Brief an die beiden Frauen, und es f\u00e4llt schwer zu glauben, dass sie nicht das eine oder andere Mal genervt die Augen beim Lesen verdreht haben.<\/p>\n<p>Die Kleistforschung hat wilde, mehr oder weniger gut begr\u00fcndete Spekulationen angestellt, um hinter den Sinn dieser Reise und der mit ihr verbundenen Geheimniskr\u00e4mereien zu kommen. Wir wissen, dass die Reise sehr teuer war und dass Ulrike (nicht zum letzten Mal in Kleists Leben) finanziell aushelfen musste; aber was da soviel Geld kostete, ist im Dunklen geblieben.<\/p>\n<p>Die unterhaltsamste, aber wohl haltloseste Theorie ist ausgerechnet die, die sich am tiefsten ins Leserhirn eingr\u00e4bt und immer frech hervorlugt, wenn Kleist wieder seine kleinen Andeutungen in seinen Briefen unterbringt: Er sei unterwegs gewesen, um eine Phimose chirurgisch korrigieren zu lassen. Unterhaltsam deshalb, weil Kleist immer dann, wenn er von seiner Mission schreibt (und das tut er daf\u00fcr, dass es eine geheime ist, verbl\u00fcffend oft), dies in den h\u00f6chsten, pathetischsten T\u00f6nen tut, was, wenn man ausgerechnet an eine Phimose als Ausl\u00f6ser dieser Mission denkt, eine gewisse humoristische Fallh\u00f6he erzeugt. Freund Brockes scheint v\u00f6llig begeistert zu sein von Kleists Pl\u00e4nen (<em>Brief an Wilhelmine von Zenge, 20. und 21. August 1800<\/em>):<\/p>\n<blockquote><p>Ach, mein be\u00dftes Minchen, wie unbeschreiblich begl\u00fcckend ist es, einen weisen, z\u00e4rtlichen Freund zu finden, da wo wir seiner grade recht innig bed\u00fcrfen. Ich f\u00fchlte mich stark genug den hohen Zweck zu entwerfen, aber zu schwach um ihn allein auszuf\u00fchren. Ich bedurfte nicht sowohl der Unterst\u00fctzung, als nur eines weisen Rathes, um die zweckm\u00e4\u00dfigsten Mittel nicht zu verfehlen. Bei meinem Freunde <em>Brokes<\/em> habe ich Alles gefunden, was ich bedurfte, u. dieser Mensch m\u00fc\u00dfte auch Dir jetzt vor allen Andern, <em>nach mir<\/em> vor allen Andern theuer sein. Ihm habe ich mich ganz anvertraut, u. er ehrte meinen Zweck, sobald er ihn kannte, so wie ihn denn jeder edle Mensch, der ihn fassen kann, ehren mu\u00df. Ach, mein theures edles M\u00e4dchen, wenn auch Du meinen Zweck ehren k\u00f6nntest, auch selbst ohne ihn zu kennen! Das w\u00fcrde mir ein Zeichen Deiner Achtung sein, ein Zeichen, das mich unaussprechlich stolz machen w\u00fcrde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein sch\u00f6ner Gedanke, sich vorzustellen, wie Kleist Brockes seinen gro\u00dfen Zirkumzisionsplan er\u00f6ffnet und Brockes ihm mit einem begeisterten \u201eHurra!\u201c-Ausruf um den Hals f\u00e4llt, wom\u00f6glich sich solidarisch dem Plan anschlie\u00dft und mit Kleist gemeinsam einer feierlichen Trennung vom Pr\u00e4putium entgegensieht.<\/p>\n<p>Realistischere Spekulationen zu Kleists gro\u00dfen Pl\u00e4nen beziehen sich auf Spionage und damit verbundene gr\u00f6\u00dfere Geldeinnahmen \u2013 denn Geld hatte Kleist schon um 1800 bitter n\u00f6tig und h\u00e4tte die Wahrscheinlichkeit einer Ehe mit Wilhelmine erh\u00f6ht. Es hat wohl alles nicht geklappt am Ende, im Gegenteil, die ganze Reise, in gro\u00dfer Eile kreuz und quer durch Deutschland, war vor allem eins: teuer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Reise kreuz und quer durch Deutschland, auf der sich Kleist gemeinsam mit Freund Brockes im Sommer 1800 befindet, ist ber\u00fchmt geworden \u2013 vor allem, weil es Kleist nicht nur gelang, den Zweck dieser Reise vor seinen Freunden und Verwandten &hellip; <a href=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/02\/06\/grosse-geheimnisse\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[18,25,29,13,12,28],"class_list":["post-104","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-briefe","tag-entscheidungen","tag-freunde","tag-geheimnisse","tag-sexualitaet","tag-ulrike","tag-wilhelmine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions\/106"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}