{"id":120,"date":"2011-02-19T14:10:43","date_gmt":"2011-02-19T13:10:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=120"},"modified":"2012-03-01T18:20:40","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:40","slug":"das-ganze-schriftstellerische-fach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/02\/19\/das-ganze-schriftstellerische-fach\/","title":{"rendered":"Das ganze schriftstellerische Fach"},"content":{"rendered":"<p>Kleists <a title=\"Dieser Brief bei kleist.org\" href=\"http:\/\/www.kleist.org\/briefe\/027.htm\" target=\"_blank\"><em>Brief an Wilhelmine von Zenge vom 13. November 1800<\/em><\/a> ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert und ber\u00fchrend. Kleist entdeckt den Gedankenstrich und den unvollst\u00e4ndigen Satz, den unterbrochenen und neu gefassten Gedanken, das Assoziative. In seinem Ringen um das, was er sagen will, n\u00e4hert er sich vielen Figuren seiner sp\u00e4teren Dramen \u2013 und dieser Brief wirkt endlich, endlich authentisch. Die disparate Form kommt zur Deckung mit einem disparaten Inhalt.\u00a0 Kleist k\u00e4mpft mit sich und verleiht dem Kampf Form. Es ist kein Zufall, dass er in diesem Brief bekennt, dass er Dichter werden will: <em>Da st\u00fcnde mir nun f\u00fcr die Zukunft das ganze schriftstellerische Fach offen.<\/em><!--more-->Gerade ist wieder ein neuer Lebensentwurf ad acta gelegt worden \u2013 ach was, gleich zwei: Denn von der gro\u00dfartigen Reise nach W\u00fcrzburg mit ach so gro\u00dfen M\u00f6glichkeiten ist verbl\u00fcffend wenig \u00fcbrig geblieben au\u00dfer Schulden bei Ulrike und Brockes; Kleist ist in Berlin zur Tagesordnung zur\u00fcckgekehrt, bald schon stellt er Wilhelmine neue Denkaufgaben. Und sein neuer Versuch, ins b\u00fcrgerliche Leben einzusteigen, scheitert schon im Anlauf: Kleist hatte sich beworben um eine Hospitanz bei einer Beh\u00f6rde, bekam die Hospitanz bewilligt und verpasste gleich die erste Sitzung. In seinem Brief bekennt er erstmals freim\u00fctig:<\/p>\n<blockquote><p>Ich will kein Amt nehmen. (&#8230;) Ich soll thun, was der Staat von mir verlangt, u. doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbekannten Zwecken soll ich ein blo\u00dfes Werkzeug sein \u2013 ich kann es nicht. (&#8230;) Nein, Wilhemine, es geht nicht, ich passe mich f\u00fcr kein Amt. Ich bin auch wirklich zu ungeschickt, um es zu f\u00fchren. Ordnung, Genauigkeit, Geduld, Unverdrossenheit, das sind Eigenschaften, die bei einem Amt unentbehrlich sind, u. die mir doch ganz fehlen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich will es nicht \u2013 und ich kann es nicht. So ehrlich ist Kleist selten bis nie in seinen Briefen mit sich gewesen, und man liest es mit Erleichterung. Nat\u00fcrlich, er wird diese neue Einsch\u00e4tzung seiner selbst noch ein paar mal umwerfen, immer aus der Not heraus, eine feste Position im Leben zum \u00dcberleben zu brauchen. Aber am 13. November 1800 ist sein Leidensdruck gro\u00df genug, sich selbst seine Unf\u00e4higkeit zum b\u00fcrgerlichen Leben einzugestehen.<\/p>\n<p>Seinen Wunsch, auch ohne gefestigte berufliche Existenz bald zu heiraten, tr\u00e4gt er Wilhelmine offen und flehend vor. Wir wissen, es kam nicht dazu. Es ist anr\u00fchrend zu lesen, wie verzweifelt Kleist nach seiner Position sucht, wie er sich selbst versucht zu ermutigen: Ich bin doch ein guter Mensch! Ich kann etwas!<\/p>\n<p>Und wieder eine Briefpassage, die sich schwerlich nicht von Kleists Ende her lesen l\u00e4sst:<\/p>\n<blockquote><p>Und wenn ich auch auf dieser Erde nirgends meinen Platz finden sollte, so finde ich vielleicht auf einem andern Sterne einen um so bessern.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleists Brief an Wilhelmine von Zenge vom 13. November 1800 ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert und ber\u00fchrend. Kleist entdeckt den Gedankenstrich und den unvollst\u00e4ndigen Satz, den unterbrochenen und neu gefassten Gedanken, das Assoziative. 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