{"id":123,"date":"2011-02-22T22:11:57","date_gmt":"2011-02-22T21:11:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=123"},"modified":"2012-03-01T18:20:40","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:40","slug":"dass-auch-ich-mich-halten-wuerde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/02\/22\/dass-auch-ich-mich-halten-wuerde\/","title":{"rendered":"&#8230; da\u00df auch ich mich halten w\u00fcrde, wenn Alles mich sinken l\u00e4\u00dft"},"content":{"rendered":"<p>Eine ganz ber\u00fchmte Passage: Kleists Gedanken \u00fcber das Gew\u00f6lbe, aufgeschrieben im <em>Brief an Wilhelmine von Zenge vom 16. November 1800<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Ich gieng an jenem Abend vor dem wichtigsten Tage meines Lebens in W\u00fcrzburg spatzieren. Als die Sonne herabsank war es mir als ob mein Gl\u00fcck untergienge. Mich schauerte wenn ich dachte, da\u00df ich vielleicht <em>von Allem<\/em> scheiden m\u00fc\u00dfte, von Allem, was mir theuer ist. Da gieng ich, in mich gekehrt, durch das gew\u00f6lbte Thor, sinnend zur\u00fcck in die Stadt. Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gew\u00f6lbe nicht ein, da es doch keine St\u00fctze hat? Es steht, antwortete ich, <em>weil alle Steine auf einmal einst\u00fcrzen wollen<\/em> \u2013 u. ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, da\u00df auch ich mich halten w\u00fcrde, wenn Alles mich sinken l\u00e4\u00dft.<em><!--more--><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Passage ist der Auftakt zu einer ganzen Reihe neuer <em>Denk\u00fcbungen<\/em> f\u00fcr Wilhelmine. Wie schon in fr\u00fcheren Briefen gibt Kleist hier ein Beispiel, bevor eine F\u00fclle von Aufgaben f\u00fcr die Verlobte gestellt wird, die sie im n\u00e4chsten Brief an ihm l\u00f6sen soll. Diesmal geht es um Vergleiche zwischen der Natur und dem menschlichen Gef\u00fchlsleben, mit so spannenden Fragen wie: <em>Der Sturm rei\u00dft den Baum um, aber nicht das Veilchen, der leiseste Abendwind bewegt das Veilchen, aber nicht den Baum. \u2013 Womit hat das eine vortreffliche \u00c4hnlichkeit? <\/em>Wir k\u00f6nnen uns lebhaft vorstellen, wie Wilhelmine von Zenge ungeduldig und bildungsbegierig Kleists Briefe aufriss und es kaum abwarten konnte, ihren Geist an solchen Aufgaben zu sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>So ist die Geschichte vom Gew\u00f6lbe gar nicht unbedingt ein tiefer Einblick in Kleists Seele, sondern, im Zusammenhang betrachtet, eine eher akademische Angelegenheit. In diesem Brief ist Kleist ganz Hauslehrer.<\/p>\n<p>Warum ist die Sache mit dem Gew\u00f6lbe so ber\u00fchmt geworden? Sie passt so sch\u00f6n zu unserem Bild vom depressiven, suizidgef\u00e4hrdeten Heinrich. Genau betrachtet ist der Vergleich, den er zieht, aber leider reichlich schief (genauso schief \u00fcbrigens wie das Bild vom depressiven, suizidgef\u00e4hrdeten Heinrich). Mir fiel das auf, als ich versuchte, die Passage mit eigenen Worten nachzuerz\u00e4hlen. Da kommt man n\u00e4mlich nicht weit.<\/p>\n<p>Mal Kleists These kurz zusammengefasst: Das Gew\u00f6lbe st\u00fcrzt nicht ein, weil alle Steine zugleich fallen m\u00f6chten. So weit, so sch\u00f6n und blitzgescheit formuliert. Aber dann? Ich, Heinrich, st\u00fcrze nicht, weil alles in mir zusammen st\u00fcrzt. H\u00e4? Das geht nicht. Der Kausalzusammenhang, der ja den Gew\u00f6lbesatz erst sch\u00f6n macht, funktioniert bei der menschlichen Analogie nicht. Neuer Versuch: Ich, Heinrich, st\u00fcrze nicht, <em>wenn<\/em> alles in mir zusammen st\u00fcrzt. Das <em>wenn<\/em> benutzt Kleist tats\u00e4chlich. Das ist f\u00fcr sich ein ganz sch\u00f6ner, vielleicht auch tr\u00f6stlicher, allerdings etwas d\u00fcnner Satz. Er passt nur \u00fcberhaupt nicht mehr zu der Gew\u00f6lbe-Geschichte. <em>Wenn<\/em> und <em>weil<\/em> sind zwei paar Schuhe.<\/p>\n<p>Kleiner Trost: Das schiefe Gew\u00f6lbe hat \u00fcber die Jahrhunderte immerhin ganz gut gehalten. Ob Wilhelmine aufgefallen ist, dass ihr Lehrer, nein, Verlobter da eine sch\u00f6ne Geschichte mit wenig Dahinter erz\u00e4hlt hat, ist nicht \u00fcberliefert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ganz ber\u00fchmte Passage: Kleists Gedanken \u00fcber das Gew\u00f6lbe, aufgeschrieben im Brief an Wilhelmine von Zenge vom 16. November 1800: Ich gieng an jenem Abend vor dem wichtigsten Tage meines Lebens in W\u00fcrzburg spatzieren. 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