{"id":129,"date":"2011-02-27T12:31:29","date_gmt":"2011-02-27T11:31:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=129"},"modified":"2012-03-01T18:20:40","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:40","slug":"falsche-adresse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/02\/27\/falsche-adresse\/","title":{"rendered":"Falsche Adresse"},"content":{"rendered":"<p>Kleist schreibt einen Liebesbrief an Wilhelmine.<\/p>\n<p>Nun gut, das Wort \u201eLiebe\u201c kommt um 1800 \/ 1801 doch st\u00e4ndig in seinen Briefen an sie vor. Das Besondere an diesem <a title=\"Brief an Wilhelmine von Zenge vom 31. Januar 1801 auf kleist.org\" href=\"http:\/\/www.kleist.org\/briefe\/035.htm\" target=\"_blank\"><em>Brief an Wilhelmine von Zenge vom 31. Januar 1801<\/em><\/a> ist, dass die Liebe nicht wirklich Wilhelmine gilt, sondern Kleists Freund Brockes, mit dem Kleist viel Zeit auf seiner W\u00fcrzburg-Reise verbracht hatte. <!--more-->Von den \u00fcber acht Druckseiten des Briefes drehen sich sieben ausschlie\u00dflich um Brockes. Sie lesen sich fl\u00fcssig, Kleist ist v\u00f6llig euphorisch, wenn er nur an diesen Mann denkt, und Wilhelmine bekommt die gro\u00dfe Ladung Emotion, Begeisterung, Schw\u00e4rmerei ab, die Kleist ihr sonst in seinen Briefen vorenth\u00e4lt, und sie muss ertragen, dass diese gro\u00dfe Gef\u00fchlswelle leider nicht ihr gilt.<\/p>\n<p>Wilhelmine selbst gelten nur wenige, geschraubte und in ihrer Konjunktivkonstruktion ziemlich verkopfte S\u00e4tze \u2013 wohl von Kleist irgendwie als Liebeserkl\u00e4rung gedacht. Er bezieht sich auf einen Brief von ihr:<\/p>\n<blockquote><p>Besonders der Blick, den Du mir diesmal in Dein Herz voll Liebe hast werfen lassen, hat mir unaussprechliche Freude gew\u00e4hrt \u2013 obschon das Ganze, um mir Vertrauen zu der Wahrheit Deiner Neigung einzufl\u00f6\u00dfen, eigentlich nicht n\u00f6thig war. Wenn Du mich nicht liebtest, so m\u00fc\u00dftest Du verachtungsw\u00fcrdig sein und ich, wenn ich es von Dir nicht glaubte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine glasklare Liebeserkl\u00e4rung an Wilhelmine in allen diesen Briefen zu finden, ist nicht einfach. Es gibt fast immer ein irgendwie geartetes <em>obschon<\/em>, oft verbunden mit tadelnden Worten wie hier. Was hat diese Frau empfunden, als sie erst diese eigenartigen S\u00e4tze \u2013 und dann wenige Zeilen tiefer das hier lesen musste:<\/p>\n<blockquote><p>La\u00df mich jetzt einmal ein Wort von meinem Freunde <em>Brokes<\/em> reden,  von dem mein Herz ganz voll ist \u2013 Er hat mich verlassen, er ist nach  Mecklenburg gegangen, dort ein Amt anzutreten, das seiner wartet \u2013 \u2013 und  mit ihm habe ich den <em>einzigen<\/em> Menschen in dieser volkreichen K\u00f6nigsstadt verloren, der mein <em>Freund<\/em> war, den einzigen, den ich recht <em>wahrhaft<\/em> ehrte u. liebte, den einzigen, f\u00fcr den ich in Berlin Herz und Gef\u00fchl  haben konnte, den einzigen, dem ich es ganz ge\u00f6ffnet hatte u. der jede,  auch selbst seine geheimsten Falten kannte. Von keinem Andern kann ich  dies letzte sagen, Niemand versteht mich ganz, Niemand <em>kann<\/em> mich ganz verstehen, als <em>er<\/em> u. <em>Du<\/em> \u2013 ja selbst Du vielleicht, liebe Wilhelmine, wirst mich u. meine  k\u00fcnftigen Handlungen nie ganz verstehen, wenn Du nicht f\u00fcr das, was ich  h\u00f6her achte, als die Liebe, einen so hohen Sinn fassen kannst, als er. (&#8230;) Ja wenn Du unter den M\u00e4dchen w\u00e4rst, was dieser unter den M\u00e4nnern \u2013 \u2013<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, was dann?<\/p>\n<p>Laut lesen hilft. Die gro\u00dfe Hymne auf Brockes, die sich \u00fcber weitere sieben Seiten erstreckt, ist fast atemlos, eine gro\u00dfe Welle von Begeisterung und Liebe. Auch wenn es um 1800 nicht un\u00fcblich war, der Freundschaft unter M\u00e4nnern zu huldigen \u2013 wer bei der Lekt\u00fcre von Kleists Briefen an Wilhelmine so etwas wie Gef\u00fchl vermisste, hier wird er endlich f\u00fcndig. Schade f\u00fcr Wilhelmine, dass diese Gef\u00fchle offensichtlich nicht ihr gelten. Und man fragt sich, warum Kleist ihr das antut. Ich kann ein derartiges Verhalten eigentlich nur nachvollziehen unter der Pr\u00e4misse, dass Kleist sich seiner Gef\u00fchle f\u00fcr Brockes nicht bewusst war. Dass ihm, ganz unschuldig, sein Herz \u00fcberschwappte nach dem sicher schmerzlichen Abschied von ihm und Wilhelmine als eine dann ja doch irgendwie vertraute die ganze Ladung abbekam.<\/p>\n<p>Ach, es ist schon bitter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleist schreibt einen Liebesbrief an Wilhelmine. Nun gut, das Wort \u201eLiebe\u201c kommt um 1800 \/ 1801 doch st\u00e4ndig in seinen Briefen an sie vor. Das Besondere an diesem Brief an Wilhelmine von Zenge vom 31. 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