{"id":142,"date":"2011-03-19T10:47:08","date_gmt":"2011-03-19T09:47:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=142"},"modified":"2012-03-01T18:20:40","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:40","slug":"im-labor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/03\/19\/im-labor\/","title":{"rendered":"Im Labor"},"content":{"rendered":"<p>Kleist reist mit seiner Schwester Ulrike nach Paris, und aus den ersten Tagen dort, Sommer 1801, sind Briefe \u00fcberliefert, die ausnahmsweise nicht nur an Wilhelmine von Zenge, sondern auch an Karoline von Schlieben und Adolphine von Werdeck adressiert sind, Freundinnen aus Dresden bzw. der Heimatstadt Frankfurt. Die langen Texte lesen sich insofern sehr spannend, dass sie einen sch\u00f6nen Einblick geben in Kleists Schreiblabor. Die Verfertigung des Dichters beim Briefeschreiben schreitet kr\u00e4ftig voran. <!--more-->Beschreibungen derselben Ereignisse und Gedankeng\u00e4nge finden sich mehr oder weniger variiert in allen \u00fcberlieferten Briefen aus dieser Zeit, teilweise gek\u00fcrzt, teilweise ausgeschm\u00fcckt, und man merkt, mit welcher Freude Kleist an diesen Texten gefeilt hat. Hier ein kleiner Auszug aus seiner Beschreibung einer kleinen Rheinreise im <em>Brief an Karoline von Schlieben vom 18. Juli 1801<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Doch der sch\u00f6nste Landstrich von Deutschland, an welchem unser gro\u00dfer G\u00e4rtner sichtbar con amore gearbeitet hat, sind die Ufer des Rheins von Mainz bis Coblenz, die wir auf dem Strome selbst bereiset haben. Das ist eine Gegend wie ein Dichtertraum, und die \u00fcppigste Phantasie kann nichts sch\u00f6neres erdenken, als dieses Thal, das sich bald \u00f6ffnet, bald schlie\u00dft, bald bl\u00fcht, bald \u00f6de ist, bald lacht, bald schreckt. Pfeilschnell str\u00f6mt der Rhein heran von Mainz u. gradaus, als h\u00e4tte er sein Ziel schon im Auge, als sollte ihn nichts abhalten, es zu erreichen, als wollte er es ungeduldig auf dem k\u00fcrzesten Wege ereilen. Aber ein Rebenh\u00fcgel (der Rheingau) trit ihm in den Weg u. beugt seinen st\u00fcrmischen Lauf, sanft aber mit festem Sinn, wie eine Gattinn den st\u00fcrmischen Willen ihres Mannes, und zeigt ihm mit stiller Standhaftigkeit den Weg, der ihn ins Meer f\u00fchren wird \u2013 \u2013 und er ehrt die edle Warnung u. giebt, der freundlichen Weisung folgend, sein voreiliges Ziel auf, und durchbricht den Rebenh\u00fcgel nicht, sondern umgeht ihn, mit beruhigtem Laufe dankbar seine blumigen F\u00fc\u00dfe ihm k\u00fcssend \u2013<\/p><\/blockquote>\n<p>Und so geht es noch eine halbe Seite weiter. Die Passage findet sich so ganz \u00e4hnlich auch in den anderen Briefen. Mal von den nicht ganz unproblematischen Vergleichen abgesehen: Wenn man bedenkt, dass Kleist noch nicht die segensreichen Einrichtungen moderner EDV zur Verf\u00fcgung standen, auf die nicht nur Doktoranden beim Erstellen von Texten heute zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, ist es schon erstaunlich, dass Kleist bei sich selbst so umfangreiche Passagen einfach abschreibt, umschreibt, k\u00fcrzt und variiert. Die Motivation f\u00fcr ein derartiges geistarmes Verhalten kann eigentlich nur sein, dass er das Dichten trainieren wollte. Wir erhalten Einblick in verschiedene Fassungen derselben Texte, adressiert an verschiedene Empf\u00e4ngerinnen.<\/p>\n<p>Einiges deutet darauf hin, dass Kleist hier Passagen aus seinem ber\u00fchmten Ideenmagazin gleich mehrfach f\u00fcr diverse Freundinnen ausweidet. Ich halte es f\u00fcr unwahrscheinlich, dass Kleist diese Briefe quasi parallel geschrieben und mit unterschiedlichen Daten versendet hat. Das Ideenmagazin, das er in mehreren Briefen erw\u00e4hnt, ist nicht \u00fcberliefert, sodass mehrfach dar\u00fcber spekuliert worden ist, es h\u00e4tte sich nur in seinem Kopf befunden. Plausibler erscheint mir, dass er tats\u00e4chlich ein Notizbuch benutzte, f\u00fcr das er z.B. die Rheinreisepassage schrieb und aus der er dann in den diversen Briefen ausgiebig zitierte.<\/p>\n<p>Die Briefe lesen sich auch sonst teilweise wie Aphorismensammlungen, voll von mehr oder weniger zusammenh\u00e4ngenden Gedanken zu diesem und jenem, <a title=\"Heinrich von Kleist \u00fcber die Nutzung der Kernenergie\" href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/03\/18\/kleist-ueber-die-nutzung-der-kernenergie\/\">nicht nur zur Kernenergie<\/a>, auch zum Leben an sich, zum Schicksal etc. Der Eindruck dr\u00e4ngt sich auf, als \u00fcbe Kleist f\u00fcr seinen neuen Lebensplan, <a title=\"Das ganze schriftstellerische Fach\" href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/02\/19\/das-ganze-schriftstellerische-fach\/\">\u201edas ganze schriftstellerische Fach\u201c<\/a>, wobei von den konkreten Lehramts-Pl\u00e4nen f\u00fcr Paris von November 1800 keine Rede mehr ist. Dieser Mensch will schreiben, und er findet immer klarer zu seiner Sprache: einer Sprache, die ihren Fluss und ihre Sch\u00f6nheit erst wirklich entfaltet, wenn man die Texte laut spricht \u2013 hier entsteht ein Dramatiker.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleist reist mit seiner Schwester Ulrike nach Paris, und aus den ersten Tagen dort, Sommer 1801, sind Briefe \u00fcberliefert, die ausnahmsweise nicht nur an Wilhelmine von Zenge, sondern auch an Karoline von Schlieben und Adolphine von Werdeck adressiert sind, Freundinnen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/03\/19\/im-labor\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[32],"class_list":["post-142","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-briefe","tag-schreiben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/142","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=142"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/142\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":144,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/142\/revisions\/144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}