{"id":151,"date":"2011-04-03T16:06:20","date_gmt":"2011-04-03T14:06:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=151"},"modified":"2012-03-01T18:20:40","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:40","slug":"misstrauen-und-suspense","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/04\/03\/misstrauen-und-suspense\/","title":{"rendered":"Misstrauen und Suspense"},"content":{"rendered":"<p>Keine Ahnung, warum Kleist sein St\u00fcck <em>Die Familie Ghonorez<\/em> sp\u00e4ter in <em>Die Familie Schroffenstein<\/em> umbenannt hat. Aus heutiger Sicht ist die Entscheidung auf jeden Fall zu begr\u00fc\u00dfen: Klingt der Titel doch arg nach einer schlimmen Geschlechtskrankheit; und mahnt uns die Geschichte zweier verfeindeter spanischer Familien auf den ersten Blick doch ebenso arg an eine schlimme Sp\u00fclmittelwerbung voller wildem Paellapfannen\u00adgeschrubbe. Ich stecke noch mitten in der Lekt\u00fcre der Urfassung, also der Geschichte der Familie Ghonorez, und auch wenn ich, allein schon was die L\u00e4nge des St\u00fcckes betrifft (sicher f\u00fcnf Stunden Spielzeit), bei meinem ersten Urteil Richtung \u201etypisches Fr\u00fchwerk\u201c tendiere, so enth\u00e4lt das Werk doch genug Geniales, dass es eine eingehendere Besch\u00e4ftigung lohnt.<!--more--><\/p>\n<p>So wie Shakespeares \u201eOthello\u201c das ultimative St\u00fcck \u00fcber Eifersucht ist, so k\u00f6nnte <em>Ghonorez \/ Schroffenstein<\/em> das St\u00fcck schlechthin \u00fcber Misstrauen sein. Es gibt zu Beginn des dritten Aktes eine Szene zwischen Rodrigo (von der Familie aus Ciella) und Ignez (von der Familie aus Gossa), die eigentlich schon Romeo-und-Julia-m\u00e4\u00dfig ineinander verliebt sind, aber gro\u00dfes Misstrauen, gen\u00e4hrt durch jahrelang und gerade wieder frisch kolportierte\u00a0 Ger\u00fcchte und b\u00f6se Intrigen, steht zwischen ihnen. In der <em>Familie Schroffenstein<\/em> werden sie Ottokar und Agnes hei\u00dfen, <a title=\"\u201eDie Familie Schroffenstein\u201c, III,1 auf Projekt Gutenberg\" href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/591\/8\" target=\"_blank\">die Szene verl\u00e4uft aber im Grunde identisch<\/a>. Kleist findet eine geniale, kleine szenische Idee daf\u00fcr: Rodrigo bringt Ignez in seinem Hut etwas Wasser,. weil ihr, angesichts neuer schlimmer Nachrichten aus den Familien kein Wunder, \u00fcbel geworden ist. Ignez vermutet, er werde das Wasser mit Gift versetzen, und auch wenn wir, die Zuschauer, Rodrigo bereits ein wenig kennengelernt haben und ein Giftmord nicht das erste ist, was wir ihm zutrauen \u2013 Hand aufs Herz, wei\u00df man\u2019s? In diesem St\u00fcck traut niemand niemandem, die st\u00e4ndig neu gesponnenen Intrigen, die Ger\u00fcchte, die \u00fcber die B\u00fchne wabern, wirken tats\u00e4chlich bei den Protagonisten schleichend wie ein fortgesetzt ins Trinkwasser getr\u00e4ufeltes Gift. Zudem verfolgen wir die Wasser-Szene mehr aus Ignez\u2019 Perspektive, bleiben wir doch bei ihr und nehmen teil an ihrem Verdacht, dass Rodrigo sie ermorden will, w\u00e4hrend Rodrigo zum Wasserholen die B\u00fchne verl\u00e4sst und sich unserer Beobachtung entzieht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/suspicion.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-152\" title=\"Cary Grant in Hitchcocks \u201eSuspicion\u201c\" src=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/suspicion-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/suspicion-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/suspicion.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Verdacht \u2013 Hitchcocks \u201eSuspicion\u201c ist eines der filmischen Meisterwerke zum selben Grundthema. Einer der H\u00f6hepunkte ist eine Szene, in der Johnnie, gespielt von Cary Grant, seiner Frau Lina ein Glas Milch als Schlaftrunk bringt. Zu diesem Zeitpunkt bangen wir schon lange um sie, haben wir doch mit ihr den starken Verdacht, dass ihr Mann sie umbringen will, um an ihr Geld zu kommen. Ist die Milch vergiftet? Wir sehen in diesem Film einem Ehepaar zu, wie es sich, bedingt durch das Misstrauen, langsam, aber unaufhaltsam immer weiter entfremdet, wie eine Liebe zerst\u00f6rt wird durch den schrecklichen Verdacht. Und wie immer hat Hitchcock gro\u00dfen Spa\u00df daran, diese Entwicklung zu zelebrieren, F\u00e4hrten auszulegen und dem Publikum mit einem gewissen Sadismus das Gef\u00fchl zu vermitteln, mehr zu wissen als die offensichtlich bedrohte Hauptfigur, sodass man sich nur schwer zur\u00fcckhalten kann, ihr ein \u201eTrink das Zeug nicht!\u201c zuzurufen. \u201eSuspense\u201c nannte Hitchcock dieses Verfahren, und man kann sich ihr kaum entziehen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich in der Szene zwischen Ignez und Rodrigo. Anders als bei Hitchcock l\u00f6st sich die Spannung aber fr\u00fcher auf, n\u00e4mlich in dem Moment, als Rodrigo vor ihren Augen selbst von dem Wasser trinkt. Der Weg bis dahin ist aber hochspannend und grandios aufgebaut. Ein Kleist\u2019sches Markenzeichen, die Zersplitterung der Verse in viele Textfetzen, wenn die Figuren unter h\u00f6chster emotionaler Spannung stehen, findet sich bereits hier.<\/p>\n<p>Am Ende der Szene lachen beide sogar gemeinsam \u2013 die Spannung zwischen ihnen hat, nach einem kaum zu \u00fcbertreffenden H\u00f6hepunkt zu Beginn, einen absoluten Tiefpunkt erlangt. In einem St\u00fcck voller Misstrauen ein kurzer erholsamer Moment f\u00fcr das Publikum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Ahnung, warum Kleist sein St\u00fcck Die Familie Ghonorez sp\u00e4ter in Die Familie Schroffenstein umbenannt hat. 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