{"id":157,"date":"2011-04-08T08:32:20","date_gmt":"2011-04-08T06:32:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=157"},"modified":"2012-03-01T18:20:40","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:40","slug":"liebes-maedchen-schreibe-mir-nicht-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/04\/08\/liebes-maedchen-schreibe-mir-nicht-mehr\/","title":{"rendered":"Liebes M\u00e4dchen, schreibe mir nicht mehr"},"content":{"rendered":"<p>Nur wenige Briefe von Wilhelmine von Zenge an Kleist sind \u00fcberliefert, ausgerechnet einer der mutma\u00dflich letzten vor der Trennung findet sich in der M\u00fcnchner Ausgabe. Es ist ein trauriger, etwas hilfloser Brief ohne Punkt und Komma, kurz nach dem Tod ihres Bruders geschrieben, mit dem Kleist ja l\u00e4ngere Zeit in einer WG in Berlin zusammen gewohnt hatte. <!--more-->\u201eFreuden giebt es jetzt f\u00fcr mich sehr wenig\u201c, schreibt sie, und im ganzen Brief sp\u00fcrt man, dass sie sich von Kleist im Stich gelassen f\u00fchlt. \u201e\u00dcber zwei Monate war Deine Familie in Gulben, und ich konnte auch nicht einmal durch sie erfahren ob Du noch unter den Sterblichen wandelst oder vielleicht auch schon die engen Kleider dieser Welt mit besseren vertauscht habest. \u2013\u201c<\/p>\n<p>Nein, die Beziehung der beiden stand nie unter einem guten Stern, und ich bezweifle, ob Wilhelmine jemals so etwas wie Gl\u00fcck in Bezug auf Heinrich empfunden hat. Die Zeit, in der sie wirklich zusammen waren, auch im r\u00e4umlichen Sinne, war sehr begrenzt, im Grunde ist er immer unterwegs gewesen oder auf sichere Distanz zu Frankfurt \/ Oder. Eine echte Beziehung mit ihr hat er nicht gewollt, unter all seinen Lebensentw\u00fcrfen kam der ehrliche Entwurf einer gelebten Ehe mit Wilhelmine nicht vor. Der letzte Plan \u2013 mit ihr gemeinsam Bauer und B\u00e4uerin in der Schweiz zu werden \u2013 war im Grunde nur noch l\u00e4cherlich und innerhalb k\u00fcrzester Zeit wieder begraben.<\/p>\n<p>Kleists Sehnsucht nach famili\u00e4rer Idylle, einem im Grunde sehr \u00fcberschaubaren Leben innerhalb der \u00fcblichen gesellschaftlichen Konventionen, das ihm einen Halt geben k\u00f6nnte, steht im extremen Gegensatz zu seiner tats\u00e4chlichen Lebensf\u00fchrung \u2013 immer auf der Flucht.<\/p>\n<p>Beide m\u00fcssen am Ende sehr gelitten haben in dieser Fernbeziehung.<\/p>\n<p>Kleist trennt sich in einem sehr kurzen Brief vom 20. Mai 1802 von ihr und formuliert erneut einen Lebensentwurf, und erneut wird er ihn nicht umsetzen. Er formuliert ihn hart, gegen Wilhelmine und gegen sich selbst:<\/p>\n<blockquote><p>Ich werde wahrscheinlicher Weise niemals in mein Vaterland zur\u00fcckkehren. Ihr Weiber versteht in der Regel ein Wort in der deutschen Sprache nicht, es hei\u00dft Ehrgeiz. Es ist nur ein einziger Fall in welchem ich zur\u00fcckkehre, wenn ich der Erwartung der Menschen, die ich in th\u00f6rigter Weise durch eine Menge von prahlerischen Schritten gereizt habe, entsprechen kann. Der Fall ist m\u00f6glich, aber nicht wahrscheinlich.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kleist setzt sich selbst massiv unter Druck, etwas in seinem Leben auf die Reihe zu bekommen. Unter diesem Druck und begleitet von massiven Selbstzweifeln entsteht <em>Die Familie Schroffenstein<\/em>.<\/p>\n<p>Wilhelmine kommt in seinem neuen Entwurf nicht mehr weiter vor. Der Brief endet mit den Worten:<\/p>\n<blockquote><p>\u2013 Liebes M\u00e4dchen, schreibe mir nicht mehr. Ich habe keinen andern Wunsch als bald zu sterben. H. K.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur wenige Briefe von Wilhelmine von Zenge an Kleist sind \u00fcberliefert, ausgerechnet einer der mutma\u00dflich letzten vor der Trennung findet sich in der M\u00fcnchner Ausgabe. 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