{"id":160,"date":"2011-04-22T12:46:10","date_gmt":"2011-04-22T10:46:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=160"},"modified":"2012-03-01T18:20:40","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:40","slug":"er-thuts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/04\/22\/er-thuts\/","title":{"rendered":"Er thut\u2019s"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt muss ich aber doch noch einmal etwas \u00fcber <em>Die Familie Schroffenstein<\/em> schreiben, und zwar \u00fcber den ber\u00fchmten Beginn des f\u00fcnften Aufzugs. Kleists Freund Ernst von Pfuel soll behauptet haben, die Szene des Kleidertauschs von Ottokar und Agnes sei Ausgangspunkt und Keimzelle des ganzen St\u00fccks gewesen, was sich etliche Germanisten kaum vorstellen k\u00f6nnen, auch G\u00fcnter Blamberger zweifelt das in seiner Biografie ein wenig an und stellt sogar apodiktisch fest: \u201eDer eilige Kleidertausch angesichts des nahenden Vaters wird in seiner sexuellen Bedeutung meines Erachtens \u00fcbersch\u00e4tzt, er ist ein Kom\u00f6dienmotiv und an dieser Stelle \u00e4sthetisch und logisch fehl am Platz.\u201c <!--more--><\/p>\n<p>Was die Logik betrifft, stimme ich Blamberger gerne zu \u2013 es h\u00e4tte wei\u00df Gott f\u00fcr Ottokar und Agnes bessere Wege gegeben, nicht nur die eigenen Leben zu retten, sondern auch Frieden zwischen den verfeindeten Familien zu stiften. Um so mehr kann ich mir sehr gut vorstellen, dass diese Szene \u2013 ein junges Liebespaar in klassischer Romeo-und-Julia-Konstellation versteckt sich in einer dunklen H\u00f6hle, er zieht sie aus und tauscht mit ihr die Kleider \u2013 die erste Szene war, die vor Kleists geistigem Auge erschien. Im Grunde h\u00e4tte er sie, vielleicht schweren Herzens, aber daf\u00fcr umso bestimmter, wegwerfen m\u00fcssen, als er schreibend an dieser Stelle angelangt war, denn sie f\u00e4llt deutlich aus dem ganzen St\u00fcck und will sich nicht in den Handlungsfluss einf\u00fcgen. Gerade die Tatsache, dass diese Szene sich so gar nicht einf\u00fcgen will, erscheint mir als klarer Beleg f\u00fcr die These, sie sei die Keimzelle f\u00fcr das ganze St\u00fcck gewesen \u2013 ein klassischer Fehler bei einem Erstlingswerk, wenn die f\u00e4hige Dramaturgin an der Seite fehlt, die einem diese Szene wieder ausredet.<\/p>\n<p>Und trotzdem: Wer das St\u00fcck gelesen, wom\u00f6glich auch gesehen hat, beh\u00e4lt diese Szene als erste in Erinnerung. Sie hat eine wunderbare, eigent\u00fcmliche Z\u00e4rtlichkeit und eine gro\u00dfe erotische Spannung, und, Herr Blamberger, blo\u00df weil es auch noch \u201eCharleys Tante\u201c mit Peter Alexander oder Heinz R\u00fchmann gibt, ist ein Kleidertausch zwischen Mann und Frau nicht f\u00fcr alle Zeit ein Kom\u00f6dienmotiv. Es kommt halt drauf an, was man draus macht:<\/p>\n<blockquote><p><em>Ottokar.<br \/>\n<\/em> (&#8230; ) Leise \u00f6ffne ich<br \/>\nDie T\u00fcre, schlie\u00dfe leise sie, als w\u00e4r\u2019<br \/>\nEs mir verboten. Denn es schauert stets<br \/>\nDer Mensch, wo man als Kind es ihm gelehrt.<br \/>\nWir setzen uns. Ich ziehe sanft Dich nieder,<br \/>\nMit meinen Armen stark umspann ich dich,<br \/>\nUnd alle Liebe sprech\u2019 ich aus mit Einem,<br \/>\nMit diesem Ku\u00df. (&#8230;)<br \/>\nDann k\u00fchner wird die Liebe,<br \/>\nUnd weil Du mein bist \u2013 bist Du denn nicht mein?<br \/>\nSo nehm\u2019 ich Dir den Huth vom Haupte<em><br \/>\n(Er thuts.)<\/em><br \/>\nst\u00f6re<br \/>\nDer Locken steife Ordnung (<em>er thuts)<\/em> dr\u00fccke k\u00fchn<br \/>\nDas Tuch hinweg (e<em>r thut&#8217;s)<\/em> Du lispelst leis\u2019, o l\u00f6sche<br \/>\nDas Licht! Und pl\u00f6tzlich, tief verh\u00fcllend, webt<br \/>\nDie Nacht den Schleier um die heil&#8217;ge Liebe,<br \/>\nWie jetzt.<\/p>\n<p><em>Barnabe (aus dem Hintergrunde).<\/em><br \/>\nO Ritter! Ritter!<\/p>\n<p><em>Agnes (sieht sich \u00e4ngstlich um).<\/em><\/p>\n<p><em>Ottokar (f\u00e4llt ihr ins Wort).<\/em><br \/>\nNun entwallt<br \/>\nGleich einem fr\u00fchling angeschwellten Strom<br \/>\nDie Regung ohne Maa\u00df und Ordnung \u2013 schnell<br \/>\nL\u00f6s\u2019 ich die Schleife, schnell noch eine,<em><br \/>\n(Er thut&#8217;s)<\/em><br \/>\nstreife dann<br \/>\nDie fremde H\u00fclle leicht dir ab (e<em>r thut&#8217;s).<\/em><\/p>\n<p><em>Agnes.<\/em><br \/>\nO Ottokar,<br \/>\nWas machst Du? (<em>sie f\u00e4llt ihm um den Hals).<\/em><br \/>\n<em>Ottokar (an dem \u00dcberkleide besch\u00e4ftigt).<\/em><br \/>\nEin Geh\u00fclfe der Natur<br \/>\nStell\u2019 ich sie wieder her. Denn wozu noch<br \/>\nDas Unergr\u00fcndliche geheimni\u00dfvoll<br \/>\nVerschleiern? Alles Sch\u00f6ne, liebe Agnes,<br \/>\nBraucht keinen andern Schleier, als den eignen,<br \/>\nDenn der ist freilich selbst die Sch\u00f6nheit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was f\u00fcr eine Situation: Kleist betont durchaus die Gefahr, in der die beiden schweben durch die Einw\u00fcrfe von Barnabe, die am H\u00f6hleneingang Wache schiebt, und zieht lustvoll daraus zus\u00e4tzliche erotische Spannung zwischen den beiden. Abstrus ist es nat\u00fcrlich, dass Ottokar Agnes dar\u00fcber lange im unklaren l\u00e4sst, warum er sie da gerade Schleife f\u00fcr Schleife auszieht und sie sich das in dieser Situation gefallen l\u00e4sst. Ich kann mir einfacheres vorstellen, als diesen f\u00fcnften Akt zu inszenieren und diese Szene meinen Schauspielerinnen und Schauspielern so nahe zu bringen, dass sie spielbar wird. Vermutlich l\u00e4uft das nur \u00fcber die Vorstellung einer enormen erotischen Anziehungskraft zwischen Ottokar und Agnes \u2013 soll ja vorkommen bei frisch verliebten \u2013, auch, oder wom\u00f6glich gerade, angesichts gro\u00dfer Gefahr. Und es l\u00e4uft \u00fcber Ottokars hypnotische, z\u00e4rtliche Verse: Agnes h\u00e4ngt an seinen Lippen.<\/p>\n<p>Was bleibt? Im Storyaufbau gibts f\u00fcr Kleist noch was zu lernen, das genialische Zusammenschmei\u00dfen von Shakespearemotiven, Ritter- und Schauerm\u00e4rchen ergibt wahrhaftig nicht zwangsl\u00e4ufig ein gutes St\u00fcck. Sprachlich ahnen wir schon den ganz gro\u00dfen Theaterautoren: Ottokars Verse, mit denen er Agnes auszieht, entfalten eine enorme Sch\u00f6nheit im laut Ausgesprochen werden, die S\u00e4tze fliegen nur so und erzielen eine geradezu hypnotische Wirkung \u2013 gleicherma\u00dfen bei Agnes und den Zuschauern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt muss ich aber doch noch einmal etwas \u00fcber Die Familie Schroffenstein schreiben, und zwar \u00fcber den ber\u00fchmten Beginn des f\u00fcnften Aufzugs. 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