{"id":169,"date":"2011-04-25T09:48:11","date_gmt":"2011-04-25T07:48:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=169"},"modified":"2012-03-01T18:20:40","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:40","slug":"wir-sind-das-volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/04\/25\/wir-sind-das-volk\/","title":{"rendered":"Wir sind das Volk"},"content":{"rendered":"<p>Das Fragment von <em>Robert Guiskard, Herzog der Norm\u00e4nner<\/em> umfasst in der von Kleist 1808 im Ph\u00f6bus ver\u00f6ffentlichten Fassung gerade einmal 22 Seiten. Es ist m\u00f6glich, dass Kleist nie mehr als diese wenigen Verse fertiggestellt hat. Zwei Jahre hat er sich mit diesem St\u00fcck abgequ\u00e4lt, nicht nur er selbst stellte \u00fcberhohe Erwartungen an sich; Christoph Martin Wielands ultimative Lobhudeleien auf die Ausschnitte, die Kleist ihm vorgetragen hatte, die den Autor in unmittelbare Nachbarschaft zu \u201e\u00c4schylus, Sophokles und Shakspear\u201c stellten, werden es Kleist nicht einfacher gemacht haben, weiter&shy;zuschreiben \u2013 G\u00fcnter Blamberger geht sogar so weit zu sagen, Wielands Lob habe Kleist in vielfacher Hinsicht mehr geschadet als genutzt, habe es ihm doch den Zugang zu den bedeutenderen und wom\u00f6glich potentiell hilfreicheren Dichtern in Weimar, bei denen Wieland schon lange abgemeldet war, versperrt. <!--more--><\/p>\n<p>Am Ende einer offensichtlich nur noch qu\u00e4lenden Zeit mit <em>Robert Guiskard<\/em> verbrannte Kleist das unfertige St\u00fcck (nicht ohne wom\u00f6glich eine Abschrift in seinem Ideenmagazin aufzubewahren, auf die er 1808 zur\u00fcckgriff) und fiel in eine mehrmonatige tiefe Krise.<\/p>\n<p>Blamberger analysiert in seiner Biografie sehr nachvollziehbar die dramaturgischen Schw\u00e4chen des 1808 ver\u00f6ffentlichten Fragments \u2013 kein Wunder, dass es bei 22 Seiten blieb, da entfaltet sich keine Handlung, am Ende des Fragments fehlt jeder Cliffhanger, man m\u00f6chte nach der Lekt\u00fcre der letzten Seite gar nicht unbedingt wissen, wie es weitergeht. Blamberger wagt das Gedankenexperiment, <em>Robert Guiskard<\/em> als abgeschlossenen Einakter zu sehen, und in der Tat ist das kurze St\u00fcck als solcher betrachtet durchaus spannend.<\/p>\n<p>Worum geht es? Die f\u00fcr den Regisseur schwierigste und zugleich gro\u00dfartigste Szene steht gleich am Anfang \u2013 Auftritt der Hauptperson, das Volk. Viel Volk wohlgemerkt, die erste Szene ist ein gro\u00dfer Chormonolog einer Masse von Menschen in Angst, ein wogendes Meer von Menschen \u2013 die Metapher kommt immer wieder vor. Das Volk hat Angst vor der Pest, die \u00fcberall w\u00fctet, und ruft nach seinem starken F\u00fchrer Robert Guiskard. Das Problem ist: Der ist inzwischen selbst an Pest erkrankt. Und das gro\u00dfe Problem der kompletten F\u00fchrungsriege der Norm\u00e4nner ist nun: Wie geht es weiter? Leugnen, dass Guiskard nicht mehr in der Lage ist, sein Volk zu regieren? Zugeben, dass Guiskard nicht mehr als F\u00fchrer taugt? Selbst die Macht\u00fcbernahme vorbereiten, aber am besten so, dass die anderen es nicht merken?<\/p>\n<p>Kleist spielt alle Varianten einer fundamentalen Regierungskrise durch, gibt dabei auch dem Volk und seinen \u00c4ngsten breiten Raum und liefert so eine spannende kleine Studie aus dem Politiklabor \u2013 und siehe da, mehr als die letztlich 524 Verse brauchts daf\u00fcr gar nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Fragment von Robert Guiskard, Herzog der Norm\u00e4nner umfasst in der von Kleist 1808 im Ph\u00f6bus ver\u00f6ffentlichten Fassung gerade einmal 22 Seiten. Es ist m\u00f6glich, dass Kleist nie mehr als diese wenigen Verse fertiggestellt hat. 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