{"id":187,"date":"2011-05-08T13:03:09","date_gmt":"2011-05-08T11:03:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=187"},"modified":"2012-03-01T18:20:20","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:20","slug":"eine-wunderliche-gewalt-ueber-mein-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/05\/08\/eine-wunderliche-gewalt-ueber-mein-herz\/","title":{"rendered":"Eine wunderliche Gewalt \u00fcber mein Herz"},"content":{"rendered":"<p>Jens Bisky hat sich in seiner Kleist-Biografie ausf\u00fchrlich mit dem <a title=\"Brief an Ernst von Pfuel vom 7. Januar 1805 auf kleist.org\" href=\"http:\/\/www.kleist.org\/briefe\/086.htm\" target=\"_blank\"><em>Brief an Ernst von Pfuel vom 7. Januar 1805<\/em><\/a> besch\u00e4ftigt (S. 224 ff.), und auch G\u00fcnter Blamberger widmet ihm breiten Raum. Bisky nimmt diesen Brief zum Anlass, ausf\u00fchrlich die Frage einer Homosexualit\u00e4t Kleists zu beleuchten. In der Tat, die Frage stellt sich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Du \u00fcbst, du guter, lieber Junge, mit Deiner Beredsamkeit eine wunderliche Gewalt \u00fcber mein Herz aus, und ob ich dir gleich die ganze Einsicht in meinen Zustand selber gegeben habe, so r\u00fcckst du mir doch zuweilen mein Bild so nahe vor die Seele, da\u00df ich dar\u00fcber, wie vor der neuesten Erscheinung von der Welt, zusammenfahre.<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ernstvonpfuel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-188\" title=\"Ernst von Pfuel\" src=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ernstvonpfuel-270x300.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ernstvonpfuel-270x300.jpg 270w, https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ernstvonpfuel.jpg 386w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a>Kleist erinnert an gemeinsame Tage im Sommer 1803 in Dresden und in der Schweiz, eine Zeit, in der er im engen Kontakt mit Pfuel kurzzeitig sehr gl\u00fccklich gewesen sein muss; jetzt, ein halbes Jahr sp\u00e4ter, ist irgendetwas passiert zwischen ihnen, Kleist wei\u00df nicht, was er <em>mit allen diesen Thr\u00e4nen anfangen<\/em> soll \u2013 ist dieser ber\u00fchmte Brief eigentlich ein Entschuldigungs&shy;brief? Der sich dann steigert zu einem gro\u00dfen, auch erotischen Liebesgest\u00e4ndnis? Oder \u201enur\u201c zu einer Hymne an die Freundschaft?<\/p>\n<blockquote><p>Wir empfanden, ich wenigstens, den lieblichen Enthusiasmus der Freundschafft! Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich h\u00e4tte bei dir schlafen k\u00f6nnen, du lieber Junge; so umarmte dich meine ganze Seele! Ich habe deinen sch\u00f6nen Leib oft, wenn Du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft <em>m\u00e4dchenhaften<\/em> Gef\u00fchlen betrachtet.<\/p><\/blockquote>\n<p>Freundschaft, Griechenland \u2013 so weit, so konventionell. Die ausf\u00fchrliche Beschreibung von Pfuels K\u00f6rper (<em>zwei breite Schultern, ein nerviger Leib, das Ganze ein musterhaftes Bild der St\u00e4rke<\/em>), das Ausmalen eines gemeinsamen, ehe\u00e4hnlichen Lebens als neuer Lebensentwurf (<em>Ich heirathe niemals, sei du die Frau mir, die Kinder, und die Enkel!<\/em>) wirken in ihrer Emphase auf uns aber eindeutig wie ein Liebesbrief. Bisky hat darauf hingewiesen, dass das \u201egleichsam ein Heiratsantrag\u201c ist, dass hier die Utopie einer ehe\u00e4hnlichen Gemeinschaft formuliert wird, die zu Kleists Zeit fern jeder \u00fcblichen Vorstellungswelt war.<\/p>\n<p>Dass es M\u00e4nner gibt, die sich vom eigenen Geschlecht angezogen f\u00fchlen, war um 1800 wohl bekannt, und solche M\u00e4nner waren durchaus Zielscheibe f\u00fcr Spott bis hin zur Beleidigung. \u201eOuten\u201c, um berufliche Existenzen zu vernichten, kam vor, und auch Kleist hat sp\u00e4ter, in den <em>Berliner Abendbl\u00e4ttern<\/em>, einem Promi, dem Theatermacher August Wilhelm Iffland, Neigungen zum eigenen Geschlecht zum Vorwurf gemacht, um ihm zu schaden.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen uns ganz sicher nicht Kleist als offen Schwulen vorstellen, der mit diesem Brief gegen\u00fcber seinem engsten Freund, zu dem er nun seine Liebe entdeckt hat, sein \u00e4u\u00dferes Coming Out entfaltet. Liest man diesen Brief im Zusammenhang seiner anderen Briefe aus dieser Zeit, gerade an Ernst von Pfuel, so sticht er als vergleichsweise singul\u00e4res Ereignis aus einer Reihe eher gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfiger Briefe rund um das Basteln an neuen Berufspl\u00e4nen Richtung Spanien und K\u00f6nigsberg heraus; die weiteren Briefe an Pfuel drehen sich mehr um die gemeinsamen Pl\u00e4ne zum Bau eines U-Bootes als um das gemeinsame Baden im Meer. Es sind einfache, durchaus innige Freundschaftsbriefe, nicht mehr, nicht weniger. \u00dcberlegungen hinsichtlich eines gemeinsamen Auswanderns nach Australien waren, wohl ausgehend von Pfuel, der andere Pl\u00e4ne f\u00fcr sein Leben hatte, schnell vom Tisch.<\/p>\n<p>Es ist ja f\u00fcr den, der aus Kleists Brief ein offenes Bekenntnis zum eigenen Schwulsein herauslesen m\u00f6chte, h\u00f6chst erstaunlich, dass der Adressat, immerhin auch ein Mensch des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts und hundert Jahre vor dem Beginn einer ernsthaften Schwulen&shy;bewegung, nicht sofort den Kontakt zu Kleist abbrach, sondern ganz im Gegenteil sein bester Freund blieb. Der Brief war f\u00fcr Ernst von Pfuel offensichtlich nicht die Sensation, als die er bei seiner Entdeckung 1905 gehandelt wurde.<\/p>\n<p>Wahrscheinlicher erscheint mir, dass der Brief Reaktion auf einen Konflikt zwischen den beiden war, dass Kleist einen Riss in der Freundschaft wieder kitten wollte, nein musste, weil ihm Pfuel so immens wichtig war; und dass Pfuel nat\u00fcrlich Kleists Neigung zu gro\u00dfen, fast manischen Gef\u00fchlsausbr\u00fcchen und nat\u00fcrlich auch zu gro\u00dfen depressiven Phasen kannte und diesen Brief f\u00fcr sich entsprechend einordnete.<\/p>\n<p>Kleists schwule Seiten sind f\u00fcr mich in diesem Brief un\u00fcbersehbar. Ich glaube nicht, dass sich Kleist diese Seiten jemals wirklich bewusst gemacht hat, sondern dass er zeit seines Lebens versucht hat, sie zu negieren. Wir sehen diese Seiten mit unserem heutigen Wissen \u00fcber die menschliche Sexualit\u00e4t und k\u00f6nnen vielleicht Nuancen zwischen den Zeilen lesen, f\u00fcr die Kleist und seine Zeitgenossen noch nicht empf\u00e4nglich waren. Viele Motive in seinen Werken, viele gescheiterte Lebenspl\u00e4ne, sein seltsames Verh\u00e4ltnis zu Wilhemine werden mir durch diesen Ansatz plausibel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jens Bisky hat sich in seiner Kleist-Biografie ausf\u00fchrlich mit dem Brief an Ernst von Pfuel vom 7. Januar 1805 besch\u00e4ftigt (S. 224 ff.), und auch G\u00fcnter Blamberger widmet ihm breiten Raum. 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