{"id":196,"date":"2011-05-14T10:27:44","date_gmt":"2011-05-14T08:27:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=196"},"modified":"2012-03-01T18:20:20","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:20","slug":"ueber-die-allmaehlige-verfehlung-des-themas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/05\/14\/ueber-die-allmaehlige-verfehlung-des-themas\/","title":{"rendered":"\u00dcber die allm\u00e4hlige Verfehlung des Themas beim Schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Die beiden gro\u00dfen Essays von Kleist, <a title=\"\u201e\u00dcber die allm\u00e4hlige Verfertigung der Gedanken beim Reden\u201c auf kleist.org\" href=\"http:\/\/www.kleist.org\/texte\/UeberdieallmaehlicheVerfertigungderGedankenbeimRedenL.pdf\" target=\"_blank\"><em>\u00dcber die allm\u00e4hlige Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/em><\/a> und <em>\u00dcber das Marionettentheater<\/em>, werden gerne auf wenige Grundthesen reduziert, das macht sie griffiger. <a title=\"Jens Christian Rabe: \u201eSo \u00fcberraschend wie Fu\u00dfball\u201c, S\u00fcddeutsche Zeitung vom 14. Mai 2011\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/lena-beim-eurovision-song-contest-so-ueberraschend-wie-fussball-1.1097249\" target=\"_blank\">Heute fr\u00fch in der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c schreibt Jens Christian Rabe aus aktuellem Anlass \u00fcber Lena Meyer-Landrut<\/a> und l\u00e4sst sich dabei ausf\u00fchrlich \u00fcber den Verlust der Unschuld des jungen Mannes aus, nachdem der zuf\u00e4llig im Spiegel seine eigene Anmut erkannt hatte und ihm daraufhin das k\u00fcnstliche Herstellen dieser Nat\u00fcr&shy;lichkeit nicht mehr gelingen wollte. In dem Artikel dient Kleists Aufsatz als Beleg f\u00fcr Rabes These, das deutsche TV-Unterhaltungsgewerbe habe seine beste Zeit hinter sich, was bliebe, sei der Fu\u00dfball.<\/p>\n<p><!--more-->Lena Meyer-Landrut und ihre Versuche (sowie die ihres Managements), ihre \u201eNat\u00fcrlichkeit\u201c \u00fcber ein langes Jahr bis heute zu retten, auf der Folie von Kleists Marionettentheater-Textes zu sehen, ist dabei durchaus spannend und sicher zielf\u00fchrend. Ob der Aufsatz auch zur Betrachtung der kompletten deutschen Unterhaltungsbranche inkl. Fu\u00dfball taugt, ist dann aber doch die Frage.<\/p>\n<p>Doch Schluss jetzt mit Jens Christian, Lena und der Anmut \u2013 dass ich jetzt derart von meinem eigentlichen Thema f\u00fcr heute abgewichen bin, passt irgendwie schon wieder ganz gut. Eigentlich wollte ich ja darauf hinaus, dass Kleist in seinem Aufsatz <em>\u00dcber die allm\u00e4hlige Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/em> mindestens genauso vom Thema abgekommen ist, dass der Essay eigentlich v\u00f6llig ausufert und man sich \u00fcber das seltsame Ende mit den Worten <em>(Die Fortsetzung folgt.) H.v.K.<\/em> dann so gar nicht wundern darf. Die griffigen, oft zitierten Gedanken von Kleist stehen alle in den ersten Abs\u00e4tzen, und in der Tat gibt es wohl kaum einen Text, der den Vorgang des Denkens im Moment des Gespr\u00e4chs mit einem zuh\u00f6renden Partner sch\u00f6ner und treffender in Worte fasst.<\/p>\n<blockquote><p>Oft sitze ich an meinem Gesch\u00e4ftstisch \u00fcber den Acten, und erforsche, in einer verwickelten Streitsache, den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurtheilen sein m\u00f6gte. Ich pflege dann gew\u00f6hnlich in\u2019s Licht zu sehen, als in den hellsten Punct, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzukl\u00e4ren. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verh\u00e4ltnisse ausdr\u00fcckt, und aus welcher sich die Aufl\u00f6sung nachher durch Rechnung leicht ergiebt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Br\u00fcten nicht herausgebracht haben w\u00fcrde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne, <em>sagte<\/em>; denn sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler, oder den K\u00e4stner studirt. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punct hinf\u00fchrte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte h\u00e4ufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so pr\u00e4gt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gem\u00fcth, w\u00e4hrend die Rede fortschreitet, in der Nothwendigkeit, dem Anfang nun auch \u2013 ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur v\u00f6lligen Deutlichkeit aus, dergestalt, da\u00df die Erkenntni\u00df, zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich formuliere einen Gedanken, den ich noch gar nicht fertig gedacht habe, aus der <em>dunklen Vorstellung<\/em> heraus \u2013 und am Ende habe ich ihn <em>zu meinem Erstaunen<\/em> zu Ende, auf den Punkt gebracht. Nicht das <em>stundenlange Br\u00fcten<\/em> am Schreibtisch, sondern das Formulieren meines Gedankens vorzugsweise im Gespr\u00e4ch mit jemandem, der selbst nicht zu viel von der Materie versteht, f\u00fchrt den Gedanken erst zu einem klaren Ende. Eine Erfahrung, die vielleicht jeder schon gemacht hat, wird von Kleist hier in einem langen, h\u00f6chst verschachtelten Gedankengang auf den Punkt gebracht. Sch\u00f6n ist, dass Kleist mit dem Untertitel <em>An R. v. L.<\/em> (sein Freund R\u00fchle von Lilienstern) auch f\u00fcr diesen Text einen imagin\u00e4ren Gespr\u00e4chspartner hat, der ihm durch seine blo\u00dfe Anwesenheit hilft, seine dunkle Vorahnung zu einem klaren Gedanken auszuformulieren.<\/p>\n<p>So weit, so gro\u00dfartig und oft zitiert \u2013 lustigerweise verliert Kleist seinen Gegenstand aber nach ein paar weiteren Belegen aus der Literatur f\u00fcr im Reden entstandene Gedankeng\u00e4nge ziemlich aus den Augen und kommt auf das Reden selbst zu sprechen. Aus dem Essay \u00fcber das Denken wird einer \u00fcber das Sprechen und die Sprache, was bei jemandem, von dem es hei\u00dft, er habe gro\u00dfe Probleme mit dem Sprechen gehabt, gerade in gro\u00dfer Gesellschaft, besonders spannend ist.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich landet Kleist beim Widersinn m\u00fcndlicher Pr\u00fcfungen und stellt die These auf, dass die Tatsache, dass man in Pr\u00fcfungen zuweilen sehr \u00fcberraschend mit einem Thema konfrontiert wird, schon dazu f\u00fchrt, dass man in dieser Pr\u00fcfung schlecht abschneidet:<\/p>\n<blockquote><p>Hier aber, wo diese Vorbereitung des Gem\u00fcths g\u00e4nzlich fehlt, sieht man sie  stocken, und nur ein unverst\u00e4ndiger Examinator wird daraus schlie\u00dfen,  da\u00df sie nicht <em>wissen<\/em>. Denn nicht <em>wir<\/em> wissen, es ist allererst ein gewisser <em>Zustand<\/em> unsrer, welcher wei\u00df. Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der  Staat sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen  haben, werden hier mit der Antwort bei der Hand sein. Vielleicht giebt es  \u00fcberhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vortheilhaften  Seite zu zeigen, als grade ein \u00f6ffentliches Examen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, das ist schon ein Problem: Wenn ich Gedanken allm\u00e4hlig beim Reden verfertigen m\u00f6chte, sie aber wegen Stress und dadurch erzeugter Sprachladehemmung nicht purzeln m\u00f6chten. Die Gedanken k\u00f6nnen nur flie\u00dfen, wo die Sprache flie\u00dft, Stotterer kriegen da ein Problem, wenn sie es nicht beim sturen und geistfernen Auswendiglernen belassen m\u00f6chten. Ein Ausweg scheint das Verfertigen der Gedanken beim Schreiben an imagin\u00e4re Gespr\u00e4chspartner zu sein, nicht die schlechteste Motivation, Schriftsteller zu werden.<\/p>\n<p>Kleist schreibt hier un\u00fcbersehbar \u00fcber sich selbst (in K\u00f6nigsberg steckte er ja auch wieder in einem Universit\u00e4tsbetrieb), und wom\u00f6glich f\u00fchrt die fehlende Distanz zum Thema dazu, dass er den Aufsatz in seiner Examenssystemkritik stecken bleiben l\u00e4sst und sich in dem nie eingel\u00f6sten <em>Die Fortsetzung folgt<\/em> verliert. Und so kommt es, dass, wenn dieser Aufsatz zitiert wird, eigentlich immer nur seine erste H\u00e4lfte gemeint ist. Das Lesen des kompletten Aufsatzes hinterl\u00e4sst jedenfalls ein eigenartig disparates Gef\u00fchl.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden gro\u00dfen Essays von Kleist, \u00dcber die allm\u00e4hlige Verfertigung der Gedanken beim Reden und \u00dcber das Marionettentheater, werden gerne auf wenige Grundthesen reduziert, das macht sie griffiger. 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