{"id":217,"date":"2011-06-01T09:12:06","date_gmt":"2011-06-01T07:12:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=217"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"hartnaeckigste-verstopfungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/06\/01\/hartnaeckigste-verstopfungen\/","title":{"rendered":"Hartn\u00e4ckigste Verstopfungen"},"content":{"rendered":"<p>Kleist schreibt in seinem <em>Brief an seinen Vorgesetzten Karl von Stein zum Altenstein vom 10. Februar 1806<\/em>: <em>Eine fortw\u00e4hrende Unp\u00e4\u00dflichkeit aber in den ersten Monaten, und sp\u00e4terhin eine St\u00f6rung des nat\u00fcrlichen Gesch\u00e4fftsganges (&#8230;) haben meine Entwickelung zur\u00fcckgehalten.<\/em> Und in seinem <em>Brief an denselben Adressaten vom 30. Juni 1806 <\/em>berichtet er: <em>Ich bin seit mehreren Monden schon mit den hartn\u00e4ckigsten Verstopfungen geplagt. <\/em><\/p>\n<p>Als er den <em>hochzuverehrenden Herrn Geheimer Ober-Finanzrath Hans von Auerswald am 10. Juli 1806<\/em> bittet, ihn von seiner Arbeit freizustellen, begr\u00fcndet er diesen Schritt mit folgenden Worten: <em>Ein fortdauernd kr\u00e4nklicher Zustand meines Unterleibes, der mein Gem\u00fcth angreift, und mich bei allen Gesch\u00e4fften, zu denen ich gezogen zu werden, das Gl\u00fcck habe, auf die sonderbarste Art \u00e4ngstlich macht, macht mich, zu meiner innigsten Betr\u00fcbni\u00df, unf\u00e4hig, mich denselben fernerhin zu unterziehen. <\/em>Der kleine Heinrich kann heute nicht zur Arbeit erscheinen, weil er Bauchweh hat. In dieser Zeit schreibt er <em>Michael Kohlhaas<\/em>, <em>Der zerbrochne Krug<\/em> und <em>Amphitryon<\/em>, mit der <em>Penthesilea<\/em> beginnt er. Wie geht das zusammen?<!--more--><\/p>\n<p>Die Unterleibsschmerzen beziehen sich ausschlie\u00dflich auf die ungeliebte Erwerbst\u00e4tigkeit, Pr\u00fcfungsangst scheint ein \u00fcbriges zu tun, worauf auch <a title=\"\u00dcber die allm\u00e4hlige Verfehlung des Themas beim Schreiben\" href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/05\/14\/ueber-die-allmaehlige-verfehlung-des-themas\/\">die umfangreichen Auslassungen \u00fcber m\u00fcndliche Examina<\/a> in seinem Aufsatz <em>\u00dcber die Allm\u00e4hlige Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/em> hindeuten. Ich glaube nicht, dass Kleist simuliert, daf\u00fcr beschreibt er zu genau die klassischen Symptome eines Knoten im Bauchs, den viele Menschen haben, die mit ihrem Leben nicht (mehr) im reinen sind und vor gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen stehen, die letzte Entscheidung dazu aber noch nicht getroffen haben. Ein weiteres Zitat aus dem <em>Brief an Karl von Stein zum Altenstein vom 30. Juni 1806<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist, als ob das, was auf mich einwirkt, in eben dem Maa\u00dfe w\u00e4chst, als mein Widerstand; wie die Gewalt des Windes in dem Maa\u00dfe, als die Pflanzen, die sich ihm entgegensetzen. Ich bin seit mehreren Monden schon mit den hartn\u00e4ckigsten Verstopfungen geplagt. Nicht genug, da\u00df ich bei der Unruhe, in welche sie mich versetzen, unf\u00e4hig zu jedem Gesch\u00e4ft bin, das Anstrengung erfordert: kaum, da\u00df ich dazu tauge, die Seite eines Buches zu \u00fcberlesen. Ich bin sch\u00fcchtern gewesen, schon durch den ganzen Winter, wenn die Reihe des Vortrags mich traf: der Gegenstand, \u00fcber den ich berichten soll, verschwindet aus meiner Vorstellung; es ist, als ob ich ein leeres Blatt vor Augen h\u00e4tte. Doch jetzt w\u00fcrde ich zittern, wenn ich vor dem Kollegio auftreten sollte. Es ist eine gro\u00dfe Unordnung der Natur, ich wei\u00df es; aber es ist so.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit Bauchschmerzen geht Kleist zur Arbeit, offensichtlich befreit von Bauchschmerzen sitzt er nach Feierabend und schreibt u.a. zwei der intelligentesten Kom\u00f6dien, die je in Deutschland hervorgebracht wurden. Schlie\u00dflich schreibt er in seinem <em>Brief an den Freund Otto August R\u00fchle von Lilienstern vom 31. August 1806<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Die Wahrheit ist, da\u00df ich das, was ich mir vorstelle, sch\u00f6n finde, nicht das, was ich leiste. W\u00e4r ich zu etwas Anderem brauchbar, so w\u00fcrde ich es von Herzen gern ergreifen: ich dichte blo\u00df, weil ich es nicht lassen kann. Du wei\u00dft, da\u00df ich meine Carriere wieder verlassen habe. Altenstein, der nicht wei\u00df, wie das zusammenh\u00e4ngt, hat mir zwar Urlaub angeboten, und ich habe ihn angenommen; doch blo\u00df um mich sanfter aus der Affaire zu ziehen. Ich will mich jetzt durch meine dramatische Arbeiten ern\u00e4hren; und nur, wenn du meinst, da\u00df sie auch dazu nicht taugen, w\u00fcrde mich Dein Urtheil schmerzen, und auch das nur blo\u00df weil ich verhungern m\u00fc\u00dfte. Sonst magst Du aber \u00fcber ihren Werth urteilen, wie Du willst. In drei bis vier Monaten kann ich immer ein solches St\u00fcck schreiben; und bringe ich es nur \u00e0 40 Frid. d\u2019or, so kann ich davon leben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Klare, entspannte, offensichtlich durchdachte Worte, die so gar nicht mehr auf Unterleibsschmerzen hindeuten. Kleist als Angestellter, das konnte nicht lange gut gehen, er muss offensichtlich sein eigenes Ding drehen; der Knoten im Bauch, die <em>Verstopfung<\/em> hat sich gel\u00f6st.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleist schreibt in seinem Brief an seinen Vorgesetzten Karl von Stein zum Altenstein vom 10. Februar 1806: Eine fortw\u00e4hrende Unp\u00e4\u00dflichkeit aber in den ersten Monaten, und sp\u00e4terhin eine St\u00f6rung des nat\u00fcrlichen Gesch\u00e4fftsganges (&#8230;) haben meine Entwickelung zur\u00fcckgehalten. 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