{"id":219,"date":"2011-06-03T11:58:06","date_gmt":"2011-06-03T09:58:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=219"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"goethe-ueber-kleist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/06\/03\/goethe-ueber-kleist\/","title":{"rendered":"Goethe \u00fcber Kleist: \u201eEtwas Unsch\u00f6nes in der Natur, <br>ein Be\u00e4ngstigendes\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Goethes v\u00f6llig missgl\u00fcckte Urauff\u00fchrung des <em>Zerbrochnen Krugs<\/em> ist legend\u00e4r, die Auff\u00fchrung fiel beim Premierenpublikum und bei der Presse grandios durch und wurde sofort abgesetzt. Kleist bem\u00fchte sich mit der Ver\u00f6ffentlichung einiger Ausschnitte in seiner Zeitschrift <em>Ph\u00f6bus<\/em> um Rehabilitation, wirklich erfolgreich wurde <em>Der zerbrochne Krug<\/em> erst Jahrzehnte sp\u00e4ter, heute geh\u00f6rt es zu den meistgespielten deutschen St\u00fccken. <a title=\"Goethe gegen\u00fcber Johannes Falk \u00fcber Kleist\" href=\"http:\/\/www.textkritik.de\/bka\/dokumente\/dok_f\/falk.htm\" target=\"_blank\">Goethe hat sich gegen\u00fcber dem Theologen und Schriftsteller Johannes Falk ausf\u00fchrlich \u00fcber Kleist ge\u00e4u\u00dfert<\/a> und dabei, zitiert ihn Falk korrekt, woran man nicht zweifeln m\u00f6chte, einen unglaublichen Mist erz\u00e4hlt. <!--more--><\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung <em>Michael Kohlhaas<\/em> komme \u201ealles gar zu ungef\u00fcg\u201c, im <em>Zerbrochnen Krug<\/em> fehle es \u201edem \u00fcbrigens geistreichen und humoristischen Stoffe an einer rasch durchgef\u00fchrten Handlung\u201c. Interessant ist, dass er Kleist Dinge vorwirft, die wir heute als Ausweis von Kleists Modernit\u00e4t und Qualit\u00e4t wahrnehmen \u2013 ein Zeichen daf\u00fcr, wie wenig sich die beiden verstanden haben: \u201eEs gebe (bei Kleist) ein Unsch\u00f6nes in der Natur, ein Be\u00e4ngstigendes, mit dem sich die Dichtkunst bei noch so kunstreicher Behandlung weder befassen, noch auss\u00f6hnen k\u00f6nne. Und wieder kam er (Goethe) zur\u00fcck auf die Heiterkeit, auf die Anmuth, auf die fr\u00f6hlich bedeutsame Lebensbetrachtung italienischer Novellen, mit denen er sich damals, je tr\u00fcber die Zeit um ihn aussah, desto angelegentlicher besch\u00e4ftigte.\u201c Goethe scheint im Alter dem Eskapismus gefr\u00f6nt zu haben, und mit heiteren italienischen Novellen konnte und wollte Kleist wohl nicht dienen.<\/p>\n<p>Der Vorwurf, es fehle dem <em>Zerbrochnen Krug<\/em> an einer rasch durchgef\u00fchrten Handlung, ist schlichtweg falsch. Das St\u00fcck zieht, genial konstruiert wie es ist, Leser und Zuschauer innerhalb weniger Minuten v\u00f6llig in den Bann. Es entfaltet sich geradezu atemlos ein Gerichtsthriller, den von klassischen Filmen dieses Genres nur eins unterscheidet und das Drama in die gro\u00dfe Kom\u00f6die wendet: Wir kennen den T\u00e4ter von der ersten Minute an, und es ist der Richter himself.<\/p>\n<p>Die Hauptfigur ist ein korruptes, erpresserisches Schwein, und wir d\u00fcrfen gen\u00fcsslich zusehen, wie es sich selbst demontiert. Die geniale Konstruktion des Plots basiert ganz wesentlich auf der Idee, Dorfrichter Adams schwierige Lage durch eine nicht angesagte Pr\u00fcfung durch das vorgesetzte Amt zu versch\u00e4rfen. Die Atemlosigkeit des St\u00fccks wird durch die Form des Einakters verst\u00e4rkt: Adam versucht immer wieder, sich Luft zu verschaffen, indem er alles daran setzt, die Verhandlung f\u00fcr Pausen zu unterbrechen, aber seine Gegenspieler nutzen diese vermeintlichen Phasen des Durchschnaufens nur, um ihm noch st\u00e4rker zuzusetzen.<\/p>\n<p>Jemand, dem mehr nach heiteren italienischen Novellen zumute war, musste dieses St\u00fcck in den Sand setzen. \u201eEtwas Unsch\u00f6nes in der Natur, ein Be\u00e4ngstigendes\u201c \u2013 in der Tat, nicht nur <em>Michael Kohlhaas<\/em>, auch <em>Der Zerbrochne Krug<\/em> ist nicht geeignet (bei aller gro\u00dfartigen Komik, die dieses St\u00fcck auch beim Lesen entfaltet), \u201eHeiterkeit\u201c und \u201eAnmuth\u201c zu verbreiten. Vertrauen in die Obrigkeit hat hier niemand, Identifikationsfiguren gibt es keine, und Eves nicht zu zerstreuendes Misstrauen gegen\u00fcber dem Staat verz\u00f6gert (in der heute \u00fcblicherweise gespielten <em>Variant<\/em>-Fassung) massiv das Happy End.<\/p>\n<p>Ach, h\u00e4tte Goethe doch von diesem St\u00fcck, dessen Titel er im Gespr\u00e4ch mit Falk nicht mal mehr genau wusste, die Finger gelassen. Schuld an dem Desaster kann nur Kleist sein: \u201eSie wissen, welche M\u00fche und Proben ich es mir kosten lie\u00df, seinen ,Wasserkrug\u2019 aufs hiesige Theater zu bringen. Da\u00df es dennoch nicht gl\u00fcckte, lag einzig in dem Umstande, da\u00df es dem \u00fcbrigens geistreichen und humoristischen Stoffe an einer rasch durchgef\u00fchrten Handlung fehlt. Mir aber den Fall desselben zuzuschreiben, ja, mir sogar, wie es im Werke gewesen ist, eine Ausfoderung de\u00dfwegen nach Weimar schicken zu wollen, deutet, wie Schiller sagt, auf eine schwere Verirrung der Natur, die den Grund ihrer Entschuldigung allein in einer zu gro\u00dfen Reizbarkeit der Nerven oder in Krankheit finden kann. \u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goethes v\u00f6llig missgl\u00fcckte Urauff\u00fchrung des Zerbrochnen Krugs ist legend\u00e4r, die Auff\u00fchrung fiel beim Premierenpublikum und bei der Presse grandios durch und wurde sofort abgesetzt. 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