{"id":231,"date":"2011-06-06T20:07:52","date_gmt":"2011-06-06T18:07:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=231"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"wie-aus-der-tragoedie-eine-komoedie-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/06\/06\/wie-aus-der-tragoedie-eine-komoedie-wird\/","title":{"rendered":"Wie aus der Trag\u00f6die eine Kom\u00f6die wird"},"content":{"rendered":"<p><em>Der zerbrochne Krug<\/em> ist \u2013 schrieb ich das schon? Man kann\u2019s nicht oft genug schreiben \u2013 ein durch und durch geniales St\u00fcck, und \u00fcber <a title=\"Goethe \u00fcber Kleist: \u201eEtwas Unsch\u00f6nes in der Natur, ein Be\u00e4ngstigendes\u201c\" href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/06\/03\/goethe-ueber-kleist\/\">dem \u00c4rger, den ich \u00fcber Goethes aufgeblasenes Altherrengeschw\u00e4tz<\/a> empfunden habe, m\u00f6chte ich doch nicht vers\u00e4umen, zwei, drei S\u00e4tze zur genialen Grundkonstruktion zu verlieren, kommt das St\u00fcck doch nicht nur ausgesprochen modern daher (in Bezug auf die Figurenkonstellation voller gegenseitigem Misstrauen in einer ausgesprochen unsicheren Welt), sondern auch mindestens genauso klassisch \u2013 purster Aristoteles! m\u00f6chte man ausrufen.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Nun ist ja <a title=\"\u201eDer Name der Rose\u201c bei Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Name_der_Rose\" target=\"_blank\">Aristoteles\u2019 Kom\u00f6dientheorie dummerweise 1327 in einer norditalienischen Abtei verbrannt<\/a>, aber aus dem erhaltenen Teil seiner \u201ePoetik\u201c \u00fcber die Trag\u00f6die wissen wir genug, um frei heraus behaupten zu k\u00f6nnen, dass der griechische Altmeister mit der Konstruktion von Kleists St\u00fcck sehr zufrieden gewesen w\u00e4re. Das komplette Geschehen spielt sich an einem Ort in Echtzeit vor den Zuschauern ab und widmet sich fast ausschlie\u00dflich und sehr gen\u00fcsslich der Vernichtung einer l\u00e4cherlichen Existenz \u2013 die perfekte Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Aristoteles hatte die drei Einheiten ja noch deshalb gefordert, weil er davon ausging, dass mehr den Zuschauern nicht zuzumuten sei; heute, 2300 Jahre sp\u00e4ter, traut man uns im Kino und im Fernsehen schon mehr zu, und auch um 1800 waren viele Dramatiker schon deutlich mutiger. Dass Kleist ausuferndere Dramenkonstruktionen beherrschte, wissen wir aus anderen St\u00fccken von ihm; beim <em>Zerbrochnen Krug<\/em> nutzte er die stringente Konstruktion, um aus ihr heraus die ungeheure Komik dieses St\u00fccks zu entwickeln. Gerade das Unerbittliche, das Ausweglose f\u00fcr Adam ist der Clou.<\/p>\n<p>Die Grundidee der Geschichte ist mindestens so genial wie die \u00e4u\u00dfere Konstruktion des St\u00fccks, und nat\u00fcrlich, wie es sich f\u00fcr gute St\u00fccke geh\u00f6rt, korrespondiert beides aufs Sch\u00f6nste. Zu Grunde liegt die (gerade auch f\u00fcr Aristoteles) ultimative klassische Trag\u00f6die, Sophokles\u2019 \u201eK\u00f6nig \u00d6dipus\u201c. Zur Erinnerung: \u00d6dipus h\u00e4lt Gericht \u00fcber ein Verbrechen und tut alles f\u00fcr seine Aufkl\u00e4rung. Am Ende muss er erkennen, dass er der T\u00e4ter ist und dass er (Voraussetzung f\u00fcr die Tragik und die Tr\u00e4nen beim Zuschauer) unschuldig, weil unwissentlich schuldig geworden ist. Wir Zuschauer, die wir genauso wenig wie \u00d6dipus wissen, identifizieren uns mit ihm und fiebern mit ihm mit beim gro\u00dfen Whodunit. Das Ende ist f\u00fcr alle Beteiligten, auch f\u00fcr uns Zuschauer, entsetzlich (Bei der Premiere derartiger St\u00fccke im alten Griechenland soll es ja vor lauter Heulen und Z\u00e4hneklappern schon mal zu spontanen Fehlgeburten gekommen sein, das gibt es heute im Theater seltener. Gut inszeniert w\u00fcrde der Stoff aber sicher auch heute noch im Kino auf gro\u00dfer Leinwand seine Wirkung erzielen, Anl\u00e4sse zum Heulen gibts da genug).<\/p>\n<p>Was macht nun Kleist? Er \u00e4ndert nur ein kleines Detail am oben skizzierten Plot: Adam wei\u00df \u2013 anders als \u00d6dipus \u2013 von Anfang an, dass er der T\u00e4ter ist, und wir wissen es wenige Minuten sp\u00e4ter auch. Der Rest ergibt sich wie von selbst: Statt Aufkl\u00e4rung brutalstm\u00f6gliche Vertuschung. Statt der gro\u00dfen Trag\u00f6die die ultimative Kom\u00f6die.<\/p>\n<p>Gro\u00dfartig, oder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zerbrochne Krug ist \u2013 schrieb ich das schon? 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