{"id":242,"date":"2011-06-25T18:01:44","date_gmt":"2011-06-25T16:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=242"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"ich-und-ach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/06\/25\/ich-und-ach\/","title":{"rendered":"Ich und Ach"},"content":{"rendered":"<p>Noch einmal zu <em>Amphitryon<\/em>. Kleist bezeichnet es als <em>ein Lustspiel nach Moliere<\/em>, und der wiederum griff auf gleich mehrere Vorbilder zur\u00fcck, darunter die altr\u00f6mische Kom\u00f6die von Plautus. Vieles, was an Kleists Version fasziniert, findet sich so oder sehr \u00e4hnlich auch bei seinen Vorbildern, z.B. die Szene, in der Merkur in der Gestalt von Amphitryons Diener Sosias den echten Sosias so lange verpr\u00fcgelt, bis der ermattet seine Identit\u00e4t aufgibt \u2013 in durchaus erheiternder Kurzform ist hier das Thema des St\u00fccks, der Alptraum des Identit\u00e4tsverlusts in Form der Kom\u00f6die, gleich im ersten Akt zusammengefasst. Aber was bei Kleist wie eine Neu\u00fcbersetzung von Moli\u00e8res St\u00fcck anhebt, leicht gek\u00fcrzt, aber nah am Original, entfernt sich von der franz\u00f6sischen Version immer mehr \u2013 als habe Kleist beim <em>allm\u00e4hligen<\/em> Schreiben seine eigenen Schwerpunkte erst gefunden.<!--more--><\/p>\n<p>Die interessanteste Figur ist Alkmene, Amphitryons Frau, und sie hat buchst\u00e4blich das letzte Wort, das es wegen der Interpretationsspielr\u00e4ume, die es Regisseuren,  Schauspielerinnen und nicht zuletzt Germanisten er\u00f6ffnet, zu einiger  Ber\u00fchmtheit gebracht hat: <em>Ach!<\/em> Bei Moli\u00e8re dagegen kommt sie in den letzten Szenen gar nicht mehr vor.<\/p>\n<p>Wie so oft bei Moli\u00e8re ist das Tragische, Tiefe, Erschreckende durchaus im St\u00fcck angelegt. Man muss es als Regisseur und Schauspieler (hier vermutlich mit sanfter Gewalt) etwas herauskitzeln. Bei Kleist steht es im Text, hier wird den menschlichen Protagonisten, allen voran Sosias und Amphitryon, von den G\u00f6ttern ziemlich \u00fcbel mitgespielt.<\/p>\n<p>Man stelle sich vor: Ich komme, gerade durch hervorragende berufliche Leistungen in meinem Ich kr\u00e4ftig gest\u00e4rkt, nach Hause zu meiner frisch angetrauten Frau, die ich liebe und von der ich wei\u00df, dass sie mich liebt \u2013 und ich bin in meiner Abwesenheit ersetzt worden durch jemanden, der genauso aussieht wie ich, nein, offensichtlich sogar noch etwas besser: Von ihm geht ein kaum zu beschreibendes, besonderes, sagen wir: g\u00f6ttliches Strahlen aus \u2013 kurz: Es ist jemand, neben dem ich sehr alt aussehe. Ich bin \u00fcberfl\u00fcssig, denn es gibt mich schon in besserer Version, als Amphitryon 2.0. Spiele ich diese Situation im Gedanken einmal durch, ist klar: Das ist eigentlich wenig komisch, das ist ein Alptraum.<\/p>\n<p>Dieses gewisse Etwas, das Jupiter in der Gestalt Amphitryons hat, ist das gewisse Etwas, das Alkmene in die gro\u00dfe Verwirrung st\u00fcrzt, und hier entfernt sich Kleist deutlich von seinem Vorbild, so sehr, dass sein St\u00fcck nicht mehr als Bearbeitung gewertet werden kann, sondern nur als eigenst\u00e4ndiges Werk, das Moli\u00e8res relativ harmloses St\u00fcck deutlich hinter sich l\u00e4sst. Als sie beide M\u00e4nner vor sich stehen hat und den richtigen Amphitryon nennen soll, w\u00e4hlt sie Jupiter. Und als der sich ihr als Gott zu erkennen gibt, f\u00e4llt sie in Ohnmacht. Sie erwacht, als Jupiter sie, sich <em>in den Wolken verlierend<\/em>, verl\u00e4sst, ruft aus <em>Amphitryon!<\/em>, und am Ende, als ihr wahrer Mann sie anspricht, entf\u00e4hrt ihr nur noch dieses <em>Ach!<\/em><\/p>\n<p>Alkmenes Situation stellen wir uns auch einmal kurz vor: Der geliebte Mann kommt deutlich fr\u00fcher als erwartet von der Arbeit nach Hause, und die Nacht, die ich mit ihm verbringe, ist soviel besser als alle N\u00e4chte, die ich mit ihm bisher hatte \u2013 und \u00fcberhaupt ist dieser Mann einfach eine Nummer besser als alle M\u00e4nner, die man sonst so bekommt. Und am Ende: ein Typ (ja, zugegebenerma\u00dfen: ein Gott), der mich nicht nur mit einem relativ billigen Trick ins Bett gekriegt hat, der mich nicht nur f\u00fcr seine eigenen Zwecke benutzt hat, sondern der, nachdem ich widerwillig feststellen musste, dass ich ihn eigentlich viel spannender finde als meinen eigenen Mann, wieder abhaut und mich mit dem matteren Original auf der Erde f\u00fcr immer zur\u00fcckl\u00e4sst. Und dann kann ich meine Entt\u00e4uschung und meine Wut (\u00fcber die M\u00e4nner und \u00fcber mich selbst) gar nicht mal wirklich offen zeigen, m\u00f6chte ich doch meinen Mann mit meiner Entt\u00e4uschung auch nicht verletzen. Denn eigentlich liebe ich ihn ja.<\/p>\n<p>Da falle ich am besten erst einmal in Ohnmacht. Und mit <em>Ach!<\/em> habe ich am Ende fast schon zuviel gesagt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch einmal zu Amphitryon. Kleist bezeichnet es als ein Lustspiel nach Moliere, und der wiederum griff auf gleich mehrere Vorbilder zur\u00fcck, darunter die altr\u00f6mische Kom\u00f6die von Plautus. 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