{"id":249,"date":"2011-07-01T07:45:32","date_gmt":"2011-07-01T05:45:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=249"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"sie-hat-ihn-wirklich-aufgegessen-den-achill-vor-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/07\/01\/sie-hat-ihn-wirklich-aufgegessen-den-achill-vor-liebe\/","title":{"rendered":"Sie hat ihn wirklich aufgege\u00dfen den Achill vor Liebe"},"content":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein eigenartiger Brief! Sprachlich, inhaltlich, orthographisch f\u00e4llt er aus allem heraus, was ich bisher an Briefen Kleists zu Gesicht bekam. Er schreibt in einem <em>Brief im Sp\u00e4therbst 1807 an Marie von Kleist<\/em>, Cousine und langj\u00e4hrige Geldgeberin. <!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Ich habe die Penthesilea geendigt, von dr ich Ihnen damals, als ich den Gedanken zuerst fa\u00dfte, wenn Sie sich d\u00dfen noch erinnern einn so begeisterten Brief schrieb. Sie hat ihn wirklich aufgege\u00dfen den Achill vor Liebe. Erschrekken Sie nicht, es l\u00e4\u00dft sich lesen; wie leicht h\u00e4tten Sie es unter \u00e4hnlichen Umst\u00e4nden vielleicht eben so gemacht. Es ist hier schon zweimal in Gesellschaft vorgelesen worden, und es sind Thr\u00e4nen geflossen; soviel als das Entsetzen, das unvermeidlich dabei war zulie\u00df. Ich werde einige Bl\u00e4tter aus der Handschrift vom Schlu\u00df zusammenraffen, und diesem Brief einlegen. F\u00fcr Frauen scheint es im Durchschnitt weniger gemacht als f\u00fcr M\u00e4nner, und auch unter den M\u00e4nnern kann es nur einr Auswahl gefallen Pfu\u00ebls kriegrisches Gem\u00fcth ist es eigentlich auf das es durch und durch berechnet ist. Als ich aus meinr Stube mit dr Pfeife in dr Hand in seine trat, und ihm sagte: jetzt ist sie todt, traten ihm zwei gro\u00dfe Thr\u00e4nen in d Augen. Sie kenn sein antike Mienen: wenn er die letzten Scenen liest, so sieht man den Tod auf seinem Antlitz. Er ist mir so lieb dadurch geworden, diser Mensch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Von diesem Brief ist nur ein Fragment \u00fcberliefert, und das nicht einmal von Kleists eigener Hand, sondern nur als Abschrift. Kleist \u00e4u\u00dfert sich sonst fast gar nicht in den (\u00fcberlieferten) Briefen zu seinen Werken, die literarische und die Briefproduktion laufen teilweise fast parallel nebeneinander her. Wenn man nicht w\u00fcsste, dass er in seiner K\u00f6nigsberger Zeit 1806 gleich mindestens drei seiner gr\u00f6\u00dften Werke offenbar fast gleichzeitig geschrieben hat, man k\u00f6nnte es aus seinen Briefen dieser Zeit nicht herauslesen. Und wie eigenartig diese Beschreibung der Begegnung mit seinem Freund Ernst von Pfuel nach der Penthesilea-Lesung: <em>Als ich aus meinr Stube mit dr Pfeife in dr Hand in seine trat, und ihm  sagte: jetzt ist sie todt, traten ihm zwei gro\u00dfe Thr\u00e4nen in d Augen. <\/em>Was soll denn da die Pfeife? Der etwas g\u00f6nnerhafte Gro\u00dfschriftsteller tritt vor mein geistiges Auge, mit sich \u00fcber dem Wohlstandsbauch spannender Weste und Uhrkette, und dieses Bild muss ich ganz, ganz schnell wieder wegwischen, denn, nein, es passt hinten und vorne nicht zum Kleistbild, das sich bei mir bis heute, 1. Juli 2011, bei meiner Kleistgesamtwerkhalbzeit also, bereits entwickelt und ansatzweise gefestigt hat.<\/p>\n<p>Am Ende des Briefes versteigt sich Kleist zu der ziemlich abenteuerlichen These, dass Frauen im Publikum dem Theater und der Trag\u00f6die an sich nicht zutr\u00e4glich sind, sich dabei wohl vor allem auf die Gewalt beziehend, die uns in Kleists Werken ja an allen Ecken und Enden begegnet, bis hin zu regelrechten Splatterszenen. Das ist die erste irritierende \u00c4u\u00dferung \u00fcber Frauen in Kleists Briefen seit langem, und warum er sie ausgerechnet Marie von Kleist schreibt, irritiert zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p>Ohne mich in die offensichtlich nicht einfache Quellenlage wirklich einarbeiten zu k\u00f6nnen \u2013 ich m\u00f6chte doch einmal den vorsichtigen Verdacht \u00e4u\u00dfern, dass dieser Brief gar nicht von Kleist stammt. Wenn doch, habe ich es mit einem besonders heftigen jener Br\u00fcche zu tun, die zu Kleist bzw. zu dem wenigen, was von ihm \u00fcberliefert ist, wohl dazu geh\u00f6ren.<\/p>\n<h6>P.S. Die Gl\u00e4ttung von Zeichensetzung, Rechtschreibung und teilweise ganzen Ausdr\u00fccken, die in der alten <a title=\"Brief an Marie von Kleist Sp\u00e4therbst 1807 auf kleist.org\" href=\"http:\/\/www.kleist.org\/briefe\/116.htm\" target=\"_blank\">Sembdner-Ausgabe dieses Briefes<\/a> gegen\u00fcber der Fassung, die die neue Reu\u00df-Staengle-Ausgabe zu rekonstruieren versucht, vorgenommen wurde, ist teilweise skandal\u00f6s. Bei allen Verdiensten Sembdners um Kleist muss man doch einfach mal festhalten, dass mit dem \u00dcbert\u00fcnchen der Br\u00fcche Kleist und seiner Rezeption wahrhaftig nicht gedient ist.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein eigenartiger Brief! 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