{"id":253,"date":"2011-07-23T10:39:05","date_gmt":"2011-07-23T08:39:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=253"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"die-marquise-und-die-maenner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/07\/23\/die-marquise-und-die-maenner\/","title":{"rendered":"Die Marquise und die M\u00e4nner"},"content":{"rendered":"<p>Sprechen wir \u00fcber <em>Die Marquise von O&#8230;.<\/em><\/p>\n<p>Eine wunderbare Geschichte: Eine Frau stellt fest, dass sie schwanger ist, ohne sich daran erinnern zu k\u00f6nnen, wie es dazu kam \u2013 ihre Eltern glauben ihr nicht und versto\u00dfen sie, doch die Frau nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand, findet den Vater ihres Kindes, verliebt sich in ihn und heiratet; mit den Eltern kommt es zu einer tr\u00e4nenreichen Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Eine grausige Geschichte: Eine Frau entkommt knapp einer Massenvergewaltigung, schl\u00e4ft vor Ersch\u00f6pfung ein und wird ausgerechnet von ihrem Retter im Schlaf vergewaltigt, dabei wird sie schwanger. Die Eltern lassen ihre Tochter mit den traumatischen Erlebnissen v\u00f6llig allein und versto\u00dfen sie. Der schwangeren Tochter gelingt es, mit ihrem Kind, das sie aus fr\u00fcherer Ehe hat, sich als alleinerziehende Mutter eine neue, selbstst\u00e4ndige Existenz aufzubauen. Parallel macht sie sich auf die Suche nach dem Vater des ungeborenen Kindes. Ihre Mutter baut neuen Kontakt zu ihr auf, und sie kann sich mittels einer List, die sie gegen\u00fcber ihren eigenen Tochter anwendet, und daraufhin ihren Mann davon \u00fcberzeugen, dass die Tochter f\u00fcr ihre au\u00dfereheliche Schwangerschaft tats\u00e4chlich nichts kann. Der Vater, der gerade noch mit seiner Tochter nie wieder etwas zu tun haben wollte, f\u00e4llt mit k\u00f6rperlichen Z\u00e4rtlichkeiten, die deutlich ins Inzestu\u00f6se lappen, \u00fcber sie her. Als die Tochter endlich vor dem Mann steht, der sie im Schlaf vergewaltigt hat, bezeichnet sie ihn zun\u00e4chst als <em>Teufel<\/em> \u2013 und heiratet ihn dann doch, vorgeblich gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><!--more-->Zwei Lesarten einer Erz\u00e4hlung, und das Unangenehme ist, dass aus Kleists Text nicht eindeutig zu entnehmen ist, welche Sichtweise die seine ist. Er behauptet im Untertitel des Erstdrucks in seiner Zeitschrift <em>Ph\u00f6bus<\/em>, die Geschichte sei entstanden <em>nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem S\u00fcden verlegt worden<\/em>. Von einer derartigen Begebenheit ist nichts bekannt, aber es kann gut sein, dass Kleist den Ausgangspunkt seiner Erz\u00e4hlung (Frau wird von fremdem Mann unwissentlich schwanger) irgendwo gelesen hatte und davon so fasziniert war, dass er ihn zur Grundlage nutzte, nicht ahnend, in welche Abgr\u00fcnde er beim Schreiben vordringen w\u00fcrde. Denn er bem\u00fcht sich um einen extrem sachlichen, fast nachrichtenartigen Ton, noch st\u00e4rker als in <em>Michael Kohlhaas<\/em>; vordergr\u00fcndig nimmt er die Perspektive seiner Hauptfigur ein, schreibt aber \u00fcber sie in einem so k\u00fchlen Ton, dass es fast unm\u00f6glich ist, eventuelle Wertungen des Erz\u00e4hlers aus dieser Geschichte herauszulesen.<\/p>\n<p>Die Ungeheuerlichkeit der Ausgangssituation, oben kurz skizziert, ist das eine; an wenigen Stellen, aber immerhin, finden sich deutliche Verurteilungen der Vergewaltigung des Anfangs. Der tiefste Abgrund tut sich mir beim Lesen der Vers\u00f6hnungsszene mit dem Vater auf. Die Mutter hat ihren Mann von der \u201eUnschuld\u201c seiner Tochter \u00fcberzeugt, der ist daraufhin in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st und, seelisch v\u00f6llig ersch\u00fcttert, erst nach mehreren Aufforderungen in der Lage, seine Tochter zu umarmen; daraufhin entfernt sich die Mutter und l\u00e4sst die beiden allein:<\/p>\n<blockquote><p>Sobald sie drau\u00dfen war, wischte sie sich selbst die Thr\u00e4nen ab, dachte, ob ihm die heftige Ersch\u00fctterung, in welche sie ihn versetzt hatte, nicht doch gef\u00e4hrlich seyn k\u00f6nnte, und ob es wohl rathsam sey, einen Arzt rufen zu lassen? Sie kochte ihm f\u00fcr den Abend Alles, was sie nur St\u00e4rkendes und Beruhigendes aufzutreiben wu\u00dfte, in der K\u00fcche zusammen, bereitete und w\u00e4rmte ihm das Bett, um ihn sogleich hineinzulegen, sobald er nur, an der Hand der Tochter, erscheinen w\u00fcrde, und schlich, da er immer noch nicht kam, und schon die Abendtafel gedeckt war, dem Zimmer der Marquise zu, um doch zu h\u00f6ren, was sich zutrage? Sie vernahm, da sie mit sanft an die Th\u00fcr gelegtem Ohr horchte, ein leises, eben verhallendes Gelispel, das, wie es ihr schien, von der Marquise kam; und, wie sie durchs Schl\u00fcsselloch bemerkte, sa\u00df sie auch auf des Commendanten Schoo\u00df, was er sonst in seinem Leben nicht zugegeben hatte. Drauf endlich \u00f6ffnete sie die Th\u00fcr, und sah nun \u2013 und das Herz quoll ihr vor Freuden empor: die Tochter still, mit zur\u00fcckgebeugtem Nacken, die Augen fest geschlossen, in des Vaters Armen liegen; indessen dieser, auf dem Lehnstuhl sitzend, lange, hei\u00dfe und lechzende K\u00fcsse, das gro\u00dfe Auge voll gl\u00e4nzender Thr\u00e4nen, auf ihren Mund dr\u00fcckte: gerade wie ein Verliebter! Die Tochter sprach nicht, er sprach nicht; mit \u00fcber sie gebeugtem Antlitz sa\u00df er, wie \u00fcber das M\u00e4dchen seiner ersten Liebe, und legte ihr den Mund zurecht, und k\u00fc\u00dfte sie. Die Mutter f\u00fchlte sich, wie eine Seelige; ungesehen, wie sie hinter seinem Stuhle stand, s\u00e4umte sie, die Lust der himmelfrohen Vers\u00f6hnung, die ihrem Hause wieder geworden war, zu st\u00f6ren. Sie nahte sich dem Vater endlich, und sah ihn, da er eben wieder mit Fingern und Lippen in uns\u00e4glicher Lust \u00fcber den Mund seiner Tochter besch\u00e4ftigt war, sich um den Stuhl herumbeugend, von der Seite an. Der Commendant schlug, bei ihrem Anblick, das Gesicht schon wieder ganz kraus nieder, und wollte etwas sagen; doch sie rief: o was f\u00fcr ein Gesicht ist das! k\u00fc\u00dfte es jetzt auch ihrerseits in Ordnung, und machte der R\u00fchrung durch Scherzen ein Ende.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da bekommt die R\u00fcckkehr der Marquise in den <em>Schoo\u00df<\/em> der Gesellschaft eine ganz neue Bedeutung.<\/p>\n<p>Wusste Kleist, was er da beschreibt? Die Szene ist, auch und gerade im Kontext der gesamten Erz\u00e4hlung, ungew\u00f6hnlich, ja, unangenehm detailliert ausgef\u00fchrt und beklemmend, nicht nur, was die k\u00f6rperlichen Zudringlichkeiten des Vaters betrifft, sondern auch die Reaktionen der Mutter, bis hin zum Beobachten der Szene durchs Schl\u00fcsselloch. Aber man wird das Gef\u00fchl nicht los, dass Kleist diese Szene selbst als positiv gemeint hat, als ersten Teil seines vorgeblichen Happy Ends.<\/p>\n<p>Was bleibt? Einer Frau wird durch M\u00e4nner (brutale Soldaten, einen Vergewaltiger, den eigenen Vater) mehr als \u00fcbel und gewaltt\u00e4tig mitgespielt. Es gelingt ihr, sich daraus zu befreien, von zu Hause auszuziehen und sich eine eigene, unabh\u00e4ngige Existenz aufzubauen. Und dann h\u00e4lt sie doch die eigene Freiheit (in einer Zeit lebend, in der alleinerziehende Frauen kaum eine gesellschaftliche Chance hatten) nicht aus und ergibt sich: ihrem Vater und ihrem Vergewaltiger.<\/p>\n<p>Und es steht zu bef\u00fcrchten, dass Kleist dieses Ende guthei\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprechen wir \u00fcber Die Marquise von O&#8230;. 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