{"id":256,"date":"2011-07-24T14:46:59","date_gmt":"2011-07-24T12:46:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=256"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"wie-die-gothaer-hefte-mit-kleist-umgehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/07\/24\/wie-die-gothaer-hefte-mit-kleist-umgehen\/","title":{"rendered":"Wie die \u201eGothaer Hefte\u201c mit Kleist umgehen"},"content":{"rendered":"<p>Durch Zufall bin ich bei meiner Besch\u00e4ftigung mit der <em>Marquise von O&#8230;.<\/em> auf die Website <a title=\"Edition Gothaer Hefte\" href=\"http:\/\/www.gothaerhefte.de\/\" target=\"_blank\">\u201eEdition Gothaer Hefte\u201c<\/a> gesto\u00dfen, eine auf den ersten Blick optisch ganz sch\u00f6n gestaltete, aber so spartanisch ausgestattete Seite, dass ihr nicht nur jede Navigation, sondern auch, rechtlich nicht unproblematisch, ein Impressum fehlt. Eine kleine Googlerecherche ergab, dass hinter dem Projekt ein Alexander Fuchs steckt, der hier seit 2006 Texte bereitstellt, seit kurzem (explizit im Untertitel) \u201eDigitale Literatur f\u00fcr E-Book Reader und Tablet PC\u201c. Auf dem Portal <a title=\"Eintrag \u201eGothaer Hefte\u201c bei Bookrix\" href=\"http:\/\/www.bookrix.de\/publisher.html?pubID=gothaer.hefte\" target=\"_blank\">BookRix<\/a> findet sich eine genauere Beschreibung der \u201eGothaer Hefte\u201c:<\/p>\n<blockquote><p>Die Edition Gothaer Hefte gibt es seit 2006 und hat ihren Sitz in Gotha \/ Th\u00fcringen. Der Verlag gibt ausschlie\u00dflich E-Books heraus. Es gibt zwei Schwerpunkte: Zum ersten die Pflege der klassischen deutschsprachigen Literatur durch Neuausgaben z.B. von Kleist, Goethe, Schiller, Storm u.a. im digitalen Textformat. Dabei sind die originalen Texte zum Teil \u00fcberarbeitet und behutsam an die moderne Gegenwartssprache angepasst worden. Dies soll, z.B. bei Friedrich Schillers \u201eKabale und Liebe\u201c oder bei Heinrich von Kleists \u201eErz\u00e4hlungen\u201c der besseren Lesbarkeit und Verst\u00e4ndlichkeit dienen, aber auch die Sch\u00f6nheit dieser Literatur hervorheben. (&#8230;)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der oder die Herausgeber von Kleists <em>Marquise von O&#8230;.<\/em> haben dabei eine recht eigenwillige Vorstellung davon, was \u201ebehutsam\u201c bei der \u00dcberarbeitung eines Textes bedeutet, und was unter \u201ebesserer Lesbarkeit und Verst\u00e4ndlichkeit\u201c und vor allem \u201eSch\u00f6nheit\u201c von Literatur zu verstehen ist.<!--more--><\/p>\n<p>Ich stelle im folgenden eine Passage aus Kleists Erz\u00e4hlung in der Fassung der M\u00fcnchner Ausgabe und der <a title=\"Kleists \u201eDie Marquise von O....\u201c bei gothaerhefte.de\" href=\"http:\/\/www.gothaerhefte.de\/kleist\/marquise_1.html\" target=\"_blank\">Bearbeitung der \u201eGothaer Hefte\u201c<\/a> gegen\u00fcber:<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"50%\">M\u00fcnchner Ausgabe<\/td>\n<td>\u201eGothaer Hefte\u201c<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><em>(&#8230;) und, wie sie durchs Schl\u00fcsselloch bemerkte, sa\u00df sie auch auf des Commendanten Schoo\u00df, was er sonst in seinem Leben nicht zugegeben hatte. Drauf endlich \u00f6ffnete sie die Th\u00fcr, und sah nun \u2013 und das Herz quoll ihr vor Freuden empor: die Tochter still, mit zur\u00fcckgebeugtem Nacken, die Augen fest geschlossen, in des Vaters Armen liegen; indessen dieser, auf dem Lehnstuhl sitzend, lange, hei\u00dfe und lechzende K\u00fcsse, das gro\u00dfe Auge voll gl\u00e4nzender Thr\u00e4nen, auf ihren Mund dr\u00fcckte: gerade wie ein Verliebter!<\/em><\/td>\n<td><em>(&#8230;) und wie sie durchs Schl\u00fcsselloch linste, sa\u00df sie auf des Kommandanten Scho\u00df, was er sonst in seinem Leben nicht ertragen hatte. Darauf endlich \u00f6ffnete sie die T\u00fcr und sah nun &#8211; und das Herz quoll ihr vor Freuden \u00fcber &#8211; die Tochter still, mit zur\u00fcckgelehntem Kopf, die Augen fest geschlossen, in des Vaters Armen liegen; indessen dieser, auf dem Lehnstuhl sitzend, hei\u00dfe K\u00fcsse, die Augen voll gl\u00e4nzender Tr\u00e4nen, auf ihre Stirn dr\u00fcckte, gerade wie ein Verliebter!<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><em>Die Tochter sprach nicht, er sprach nicht; mit \u00fcber sie gebeugtem Antlitz sa\u00df er, wie \u00fcber das M\u00e4dchen seiner ersten Liebe, und legte ihr den Mund zurecht, und k\u00fc\u00dfte sie. Die Mutter f\u00fchlte sich, wie eine Seelige; ungesehen, wie sie hinter seinem Stuhle stand, s\u00e4umte sie, die Lust der himmelfrohen Vers\u00f6hnung, die ihrem Hause wieder geworden war, zu st\u00f6ren.<\/em><\/td>\n<td><em>Die Tochter sprach nicht, er sprach nicht; mit \u00fcber sie gebeugtem Antlitz sa\u00df er, wie \u00fcber das M\u00e4dchen seiner ersten Liebe. Die Mutter f\u00fchlte sich wie eine Selige; unbemerkt, wie sie hereingeschlichen war, s\u00e4umte sie, die Lust der himmelfrohen Vers\u00f6hnung, die ihrem Hause stattgefunden, zu st\u00f6ren.<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><em>Sie nahte sich dem Vater endlich, und sah ihn, da er eben wieder mit Fingern und Lippen in uns\u00e4glicher Lust \u00fcber den Mund seiner Tochter besch\u00e4ftigt war, sich um den Stuhl herumbeugend, von der Seite an.<\/em><\/td>\n<td><em>Sie nahte sich den beiden endlich und sah sie, da sie sich eben wieder voneinander l\u00f6sten, mit dem Ausdruck der gr\u00f6\u00dften Zufriedenheit an.<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Da hat der Vater das Sitzen der Tochter auf seinem Scho\u00df fr\u00fcher nicht ertragen anstatt nicht zugegeben, da wird aus dem Kuss auf den Mund ein Kuss auf die Stirn, da fliegt das Herumfingern des Vaters im Mund seiner Tochter <em>in uns\u00e4glicher Lust<\/em> komplett raus.<\/p>\n<p>Am Kopf oder Fu\u00df der Webseite mit dem Text der Erz\u00e4hlung selbst fehlt jeder Hinweis auf die vorgenommene Bearbeitung, die hier eindeutig nicht der behaupteten \u201ebesseren Lesbarkeit\u201c dient, sondern aus der einfach in erster Linie alle sexuell-inzestu\u00f6sen Konnotationen gestrichen sind. Dass Kleists Erz\u00e4hlungen nach 200 Jahren immer noch Zensurgel\u00fcste wecken, ist schon eigenartig genug, dass die zensierten Stellen nicht gekennzeichnet sind, ist schlicht unseri\u00f6s.<\/p>\n<p>Inhaltlich korrekt, wenn auch nicht immer frei von Fl\u00fcchtigkeitsfehlern sind die Texte auf den Seiten von <a title=\"Kleists \u201eDie Marquise von O....\u201c bei Projekt Gutenberg\" href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/580\/1\" target=\"_blank\">\u201eProjekt Gutenberg\u201c<\/a> \u2013 wer einen wirklich ordentlichen Text lesen will, wird aber auch weiterhin angewiesen sein auf seri\u00f6se Buchpublikationen wie die M\u00fcnchner Ausgabe \u2013 oder wenigstens das gute alte <a title=\"Ausgabe auf reclam.de\" href=\"http:\/\/www.reclam.de\/detail\/978-3-15-008002-3\/Kleist__Heinrich_von\/Die_Marquise_von_O______Das_Erdbeben_in_Chili\" target=\"_blank\">Reclamheft f\u00fcr 2 \u20ac inkl. als Bonus <em>Das Erdbeben in Chili<\/em><\/a>, nat\u00fcrlich in moderner Rechtschreibung, um die armen Sch\u00fcler nicht zu sehr zu verwirren. Die Version der \u201eGothaer Hefte\u201c stellt f\u00fcr mich in jedem Fall einen neuen Tiefpunkt bei der Pr\u00e4sentation eines Kleistschen Textes im Internet dar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch Zufall bin ich bei meiner Besch\u00e4ftigung mit der Marquise von O&#8230;. auf die Website \u201eEdition Gothaer Hefte\u201c gesto\u00dfen, eine auf den ersten Blick optisch ganz sch\u00f6n gestaltete, aber so spartanisch ausgestattete Seite, dass ihr nicht nur jede Navigation, sondern &hellip; <a href=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/07\/24\/wie-die-gothaer-hefte-mit-kleist-umgehen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,8],"tags":[48,16,13],"class_list":["post-256","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erzaehlungen","category-und-ueberhaupt","tag-die-marquise-von-o","tag-edition","tag-sexualitaet"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/256","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=256"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/256\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":267,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/256\/revisions\/267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=256"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=256"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=256"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}