{"id":281,"date":"2011-08-05T06:10:58","date_gmt":"2011-08-05T04:10:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=281"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"atemlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/08\/05\/atemlos\/","title":{"rendered":"Atemlos"},"content":{"rendered":"<p>Penthesilea ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Wahnsinnsst\u00fcck. Atemlos, pausenlos, ein Liebes- und Gewaltswahnsinn, eine w\u00fctende Elefantenherde von einem St\u00fcck. <em>K\u00fcsse, Bisse, das reimt sich,<\/em> und damit hat Penthesilea am Ende, als alles vorbei ist, ganz gut das St\u00fcck umrissen.<!--more--><\/p>\n<p>Als Text liest sich das Drama wie ein Pageturner: Atemlos wie seine beiden Hauptfiguren Achill und Penthesilea bl\u00e4ttert man weiter, von der ersten Szene an zielt alles auf den letzten gro\u00dfen Clash der beiden. Und wie es sich f\u00fcr einen guten Stoff geh\u00f6rt: Es macht nichts, dass wir heute wissen, wie es ausgeht, im Gegenteil, das Wissen \u201eOh Gott, am Ende zerreisst sie ihn und isst ihn &#8230;\u201c steigert den Reiz \u2013 so wie das Wissen, dass dieser junge freundliche Mann an der Motelrezeption gleich seinen Gast in der ber\u00fchmtesten Duschszene der Filmgeschichte mit gef\u00fchlten 634 Stichen ermorden wird, den Reiz von \u201ePsycho\u201c nur noch weiter steigert. Der Schockeffekt, der f\u00fcr Kleist und Hitchcock sicher sehr wichtig war, ist das eine \u2013 dass diese Werke, obwohl sie gern auf die Schl\u00fcssel\u00adschockszenen reduziert werden, trotzdem funktionieren, zeigt aber erst ihr Genie.<\/p>\n<p>Nein, das konnte Goethe nicht gefallen, und es ist durchaus r\u00fchrend, dass Kleist offenbar darauf gehofft hatte, von Goethe zustimmende Worte zu diesem St\u00fcck zu erhalten. Goethes Vorstellung von der griechischen Klassik, an die ja, es ist kaum zu fassen, seine \u201eIphigenie auf Tauris\u201c genauso ankn\u00fcpfen wollte wie Kleists <em>Penthesilea<\/em>, war dann doch eine andere.<\/p>\n<p>Der gute <a title=\"Johann Joachim Winckelmann bei Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Joachim_Winckelmann\" target=\"_blank\">Johann Joachim Winckelmann<\/a> hatte noch keine sechzig Jahre vor Kleist folgenschwer <a title=\"\u201eGedanken \u00fcber die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst\u201c bei zeno.org\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Philosophie\/M\/Winckelmann,+Johann+Joachim\/Gedanken+%C3%BCber+die+Nachahmung+der+griechischen+Werke+in+der+Malerei+und+Bildhauerkunst\" target=\"_blank\">folgendes Missverst\u00e4ndnis<\/a> \u00fcber die alten Grirechen in die deutsche Welt gesetzt: \u201eDas allgemeine vorz\u00fcgliche Kennzeichen der griechischen Meisterst\u00fccke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Gr\u00f6\u00dfe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfl\u00e4che mag noch so w\u00fcten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine gro\u00dfe und gesetzte Seele\u201c, ausgerechnet bezogen auf die ebenfalls atemberaubende Laokoon-Gruppe, die nichts anderes als einen Protagonisten wie Betrachter qu\u00e4lenden Todeskampf zeigt. Da sah Herr Winckelmann, was er sehen wollte, und er hatte wohl auch nur die griechischen Klassiker gelesen, die er lesen wollte. \u201eDie Bakchen\u201c von Euripides, in der eine Mutter im Wahn ihren Sohn zerrei\u00dft, muss da im \u00f6rtlichen Buchhandel wohl gerade nicht vorr\u00e4tig gewesen sein. Aber man muss auch schon sehr, haha, blind sein, um das Grausige, Gewaltt\u00e4tige der Schlussszenen von Sophokles\u2019 \u201eK\u00f6nig \u00d6dipus\u201c zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Die Fr\u00fchromantiker, allen voran Friedrich Schlegel, setzten sich von dieser, sagen wir\u2019s doch einfach mal wie es ist, falschen Lesart ab, und schon das gefiel Goethe nicht, der sich wohl l\u00e4ngst selbst edel, einf\u00e4ltig, still und gro\u00df sah. <em>Penthesilea<\/em> ist endlich das St\u00fcck, das gewaltig und gewaltt\u00e4tig den deutschen Versuch, die griechische Klassik zu adaptieren, erst rund macht. Schade, dass das der gro\u00dfe Klassiker in Weimar nicht sehen wollte.<\/p>\n<p>\u00dcber Penthesilea schreibt Kleist in seinem <em>Brief an Goethe vom 24. Januar 1808<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist \u00fcbrigens eben so wenig f\u00fcr die B\u00fchne geschrieben, als jenes fr\u00fchere Drama: der Zerbrochne Krug, und ich kann es nur Ew. Excellenz gutem Willen zuschreiben, mich aufzumuntern, wenn dies letztere gleichwohl in Weimar gegeben wird. Unsre \u00fcbrigen B\u00fchnen sind weder vor noch hinter dem Vorhang so beschaffen, da\u00df ich auf diese Auszeichnung rechnen d\u00fcrfte, und so sehr ich auch sonst in jedem Sinne gern dem Augenblick angeh\u00f6rte, so mu\u00df ich doch in diesem Fall auf die Zukunft hinaussehen, weil die R\u00fccksichten gar zu niederschlagend w\u00e4ren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist so unglaublich schade, dass es Kleist nicht gelang, sich frei zu machen von Goethe und vielen andern, auf deren Zuspruch er zeit seines Lebens hoffte und die ihm einfach nicht gut taten. Dass Kleists ungeheuerliche Bilder von Gewalt und Leidenschaft vielleicht tats\u00e4chlich eher in ein Theater der Zukunft geh\u00f6rten, dass sie erst heute zu ertragen sind \u2013 und uns wom\u00f6glich helfen, grausige reale Ereignisse wie einen 11. September oder die Taten eines Marc Dutroux zu bew\u00e4ltigen, das steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Penthesilea ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Wahnsinnsst\u00fcck. Atemlos, pausenlos, ein Liebes- und Gewaltswahnsinn, eine w\u00fctende Elefantenherde von einem St\u00fcck. 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