{"id":302,"date":"2011-08-19T07:43:49","date_gmt":"2011-08-19T05:43:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=302"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"abhaengigkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/08\/19\/abhaengigkeiten\/","title":{"rendered":"Abh\u00e4ngigkeiten"},"content":{"rendered":"<p>Kleist hat in mehreren Briefen seine beiden Frauenfiguren Penthesilea und K\u00e4thchen miteinander verglichen und sie als zwei Seiten einer Medaille dargestellt: <em>Denn wer das K\u00e4thchen liebt, dem kann die Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein, sie geh\u00f6ren ja wie das + und &#8211; der Algebra zusammen und sind ein und dasselbe Wesen, nur unter entgegengesetzten Beziehungen gedacht<\/em>, schreibt er z.B. in seinem <em>Brief an Heinrich von Collin vom 8. Dezember 1808. <\/em>Was meint er damit? Zwei bedingungslos liebende Frauen, k\u00f6nnte man vielleicht sagen, die f\u00fcr ihr Ziel, den Mann zu bekommen, den sie lieben, bis an die ultimative Grenze gehen. Und Kleist versucht in beiden St\u00fccken, diese Grenze auszuloten und schreckt vor auch heute noch schockierenden Tabuverletzungen wie Kannibalismus nicht zur\u00fcck. So weit, so hinterfragenswert.<!--more--><\/p>\n<p>Ich kann mich des Gef\u00fchls nicht erwehren, dass Kleists mehrfache Beteuerungen, <em>Penthesilea<\/em> und <em>K\u00e4thchen<\/em> m\u00fcssten zusammen gelesen werden, eher vor einem Marketinghintergrund entstanden sind \u2013 lustigerweise bei Kleist selbst eher mit der Intention, nach einem halbwegs gegl\u00fcckten Erfolg mit dem <em>K\u00e4thchen<\/em> f\u00fcr die von der zeitgen\u00f6ssischen Kritik eher abgelehnte <em>Penthesilea<\/em> mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen, w\u00e4hrend es heute vielleicht eher umgekehrt funktioniert: Die <em>Penthesilea<\/em> ist sicher der gr\u00f6\u00dfere Wurf, und <em>Das K\u00e4thchen von Heilbronn<\/em> wird vermutlich kein besseres St\u00fcck, wenn auf den Plakaten in riesigen Lettern \u201eVom Autor der <em>Penthesilea<\/em>\u201c steht.<\/p>\n<p>K\u00e4thchen rennt hinter Graf Wetter vom Strahl her, heute w\u00fcrden wir sie vermutlich eine Stalkerin nennen, und der behandelt sie von Anfang bis Ende wie den letzten Dreck, was sie nicht hindert, weiter hinter ihm her zu rennen. Ich m\u00f6chte das eigentlich nicht Liebe nennen, es ist eine extreme, durchaus (da sind wir wieder bei den Tabuverletzungen) schockierende Abh\u00e4ngigkeit, und Kleist findet viele Szenen, die das deutlich machen.<\/p>\n<p>Faszinierend ist dieses unbedingte Wollen von K\u00e4thchen, so wie Menschen, die ganz genau und unbeirrbar wissen, was sie wollen, \u00fcber alle Grenzen hinweg, immer faszinierend sind. Aber w\u00e4hrend in <em>Penthesilea<\/em> das ungeheure, bis zur Vernichtung reichende Gef\u00fchl zwischen Achill und der Titelfigur extrem gedr\u00e4ngt auf wenige Stunden gezeigt wird \u2013 und dadurch glaubw\u00fcrdig und, bei allem Befremden, doch verbl\u00fcffend nachvollziehbar bleibt (denn wer kann ein Rasen vor Verliebtheit und\/oder erotischer Anziehung nicht nachvollziehen), so zieht sich die Handlung des <em>K\u00e4thchens von Heilbronn<\/em> \u00fcber Tage, Wochen hin, und um hier ein \u00fcbergro\u00dfes Gef\u00fchl f\u00fcr einen anderen Menschen glaubhaft zu machen, muss Kleist gro\u00dfe Motive auffahren: \u00dcbersinnliches, gemeinsame Tr\u00e4ume in der Silvesternacht, bis hin zur unglaublichen Aufl\u00f6sung des Ganzen, dass K\u00e4thchen eigentlich das uneheliche Kind des Kaisers ist. Das rumpelt dramaturgisch und logisch ganz gewaltig, und manche Szenen, z.B. der wortgewaltige Monolog des Kaisers, in dem ihm einf\u00e4llt, dass er vor sechzehn Jahren mit K\u00e4thchens Mutter im Bett war, g\u00f6nne ich keinem Regisseur und keinem Schauspieler, die um Motivation und Glaubw\u00fcrdigkeit auf der B\u00fchne bem\u00fcht sind.<\/p>\n<p>Und dann ist da noch diese Szene, in der Graf Wetter vom Strahl mit dem schlafenden K\u00e4thchen spricht. Ein Mann, der mit einer schlafenden Frau zugange ist, war uns erst unl\u00e4ngst, dort im Text auf einen Gedankenstrich reduziert, in der <em>Marquise von O&#8230;.<\/em> begegnet. Diesmal kommt es immerhin nicht zur Vergewaltigung, sondern nur zu einer Art Liebesszene. Auch in <em>Penthesilea<\/em> ist ein H\u00f6hepunkt die Szene mit Achill und der ohnm\u00e4chtigen Amazonenk\u00f6nigin. Das Schlafwandlerische, Vertr\u00e4umte, irgendwie Jenseits-von-dieser-Welt-Seiende, das ist immer der ganz gro\u00dfe Herzklopf-Moment bei Kleist, schon angelegt in der eigenartigen, surreal-erotischen Kleidertauschszene in der <em>Familie Schroffenstein<\/em>, und in den Schluss-Szenen vom <em>Prinz Friedrich von Homburg<\/em> vielleicht am sch\u00f6nsten gefasst. Die entsprechende Szene im <em>K\u00e4thchen<\/em> erscheint mir dabei als dramaturgisch-handwerklich schw\u00e4chste, gezwungenste. Das Gef\u00fchl, dass Kleist dieses St\u00fcck ziemlich fix niederschrieb, um einen kommerziellen Erfolg zu erzielen, lie\u00df mich auch bei dieser Szene keinen Moment los.<\/p>\n<p>Warum M\u00e4nner und Frauen bei Kleist offenbar nicht in der Lage sind, tags\u00fcber, wach und bei Verstand miteinander wie erwachsene Menschen zu kommunizieren, meinetwegen auch unter Austausch von Z\u00e4rtlichkeiten und anderen Bekundungen gegenseitiger Wertsch\u00e4tzung, dar\u00fcber demn\u00e4chst mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleist hat in mehreren Briefen seine beiden Frauenfiguren Penthesilea und K\u00e4thchen miteinander verglichen und sie als zwei Seiten einer Medaille dargestellt: Denn wer das K\u00e4thchen liebt, dem kann die Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein, sie geh\u00f6ren ja wie das + &hellip; <a href=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/08\/19\/abhaengigkeiten\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[51,35,48,14,53,47,11],"class_list":["post-302","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dramen","tag-das-kaethchen-von-heilbronn","tag-die-familie-schroffenstein","tag-die-marquise-von-o","tag-liebe","tag-maenner-und-frauen","tag-penthesilea","tag-prinz-friedrich-von-homburg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=302"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":513,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302\/revisions\/513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}