{"id":308,"date":"2011-08-21T23:39:44","date_gmt":"2011-08-21T21:39:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=308"},"modified":"2012-03-01T18:20:19","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:19","slug":"propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/08\/21\/propaganda\/","title":{"rendered":"Propaganda"},"content":{"rendered":"<p>Kleist hat in seinen letzten Jahren mehrfach versucht, Anschluss zu finden an Str\u00f6mungen seiner Zeit, und es ist ihm fast immer grandios misslungen. <em>Das K\u00e4thchen von Heilbronn<\/em> macht auf romantisch, Szenen, in denen die m\u00e4nnliche Hauptfigur der Titelfigur mit der Peitsche kommt, befremden dann aber (nicht nur) das zeitgen\u00f6ssische Publikum; <em>Penthesilea<\/em> macht auf klassisch, ist aber mit der extremen Pr\u00e4senz von Blut auf offener B\u00fchne dem antiken Dramas n\u00e4her als Goethes und Winckelmanns sch\u00f6ner, wahrer und guter Version der Klassik \u2013 auch das konnte nicht gut gehen; und 1808\/09 verlegt sich Kleist aufs Nationalistische, u.a. mit der <em>Herrmannsschlacht<\/em>, und auch das geht in die Hose. Diesmal solls ein Propagandast\u00fcck werden.<!--more--><\/p>\n<p><em>Die Herrmannsschlacht<\/em> feiert den Krieg der Deutschen gegen die B\u00f6sen um sie herum. Der Stoff bezieht sich auf Herrmann den Cherusker und die R\u00f6mer und die Schlacht im Teutoburger Wald, Kleist bezieht sich nat\u00fcrlich auf Napoleon, Hitler bezog es auf seine Vorstellung vom Deutschen Reich \u2013 <em>Heil Herrmann<\/em> und \u201eHeil Hitler\u201c klingen ja fast schon identisch.<\/p>\n<p>Kleist beschwor seine diversen potentiellen Verleger und Theaterintendanten, sie sollten doch bitte dieses St\u00fcck noch eher in die Welt bringen als das <em>K\u00e4thchen<\/em> (von <em>Penthesilea<\/em> war in diesen Briefen schon gar nicht mehr die Rede), w\u00fcrde doch <em>Die Herrmannsschlacht<\/em> unmittelbar reagieren auf die aktuelle politische Lage \u2013 ein echtes Zeitst\u00fcck also. Gespielt und verlegt wurde es dann doch erst lange nach Kleists Tod, als niemand in Deutschland die totale \u00dcberwindung durch die Franzosen mehr f\u00fcrchten musste. Erfolgreich wurde das St\u00fcck nie, auch nicht in neuerer Zeit.<\/p>\n<p>Kleists Problem, wenn er sich an den Zeitgeist ranwanzen wollte, war jedes Mal, dass er sich selbst einen Strich durch die Rechnung machte. <em>Die Herrmannsschlacht<\/em> soll ein Propagandast\u00fcck sein, das die Deutschen im Kampf gegen die vermeintlichen franz\u00f6sischen Invasoren einen soll. Einen Gro\u00dfteil des St\u00fcckes \u2013 aus heutiger Sicht den spannenderen Teil \u2013 machen dabei aber Szenen aus, in denen Kleist den Mechanismus einer Kriegspropagandamaschinerie von innen beschreibt: Herrmann der Cherusker verwendet viel Zeit darauf, die R\u00f6mer als s\u00e4uglings- und m\u00fcttermordende Bestien darzustellen, als Monster, die ihren Opfern die Haare vom Kopf scheren, um ihre eigenen h\u00e4sslichen Frauen mit blonden angeklebten Haaren zu versch\u00f6nern.<\/p>\n<p>Wir erhalten Einblick in das Gesch\u00e4ft der Machthaber, denen kein Mittel zu mies und kein Verrat zu gro\u00df ist, um einen Krieg zu rechtfertigen, und es ist nicht weit zu George W. Bush und seinen M\u00e4rchen rund um den Irak mit seinen Atomwaffen und den Verbindungen zu al-Qaida.<\/p>\n<p>In dem Moment aber, in dem ich als Publikum zuschauen darf bei der Erfindung schlimmster L\u00fcgen \u00fcber den Feind, ist es mit meinem Glauben an den Krieg schon vorbei. So schrecklich k\u00f6nnen die R\u00f6mer ja wohl nicht sein, wenn die Erfindung so furchtbarer Gr\u00e4uelm\u00e4rchen \u00fcber sie n\u00f6tig ist. Das Sch\u00f6ne am Theater ist: Ich schaue verschiedenen Menschen zu und mache mir mein eigenes Bild \u2013 ein Modell, das f\u00fcr ein Propagandamedium nicht so doll taugt.<\/p>\n<p>So ist <em>Die Herrmannsschlacht<\/em> letztlich ein ganz furchtbares St\u00fcck: Gr\u00fcndlich misslungen, mit entsetzlichen nationalistischen und schrecklich langweiligen Szenen, viel Stoff f\u00fcr die Propagandamaschine der Nationalsozialisten des 20. Jahrhunderts; aber vor allem misslungen, weil Kleist, vermutlich ohne es zu ahnen, das subversive Moment selbst eingebaut hat, weil er im Inneren seines Herzens viel zu sehr am Menschen und seiner Psyche interessiert ist und an den Fragen von Verrat und L\u00fcge, Wahrhaftigkeit und Liebe. Er hat sich, indem er die Propagandamaschinerie, an der er selbst teilhaben wollte, blo\u00dfgelegt hat, selbst ein Bein gestellt. Das macht das St\u00fcck heute noch spannend und aktuell, und es weckt (mal wieder) Mitleid mit Kleist: Er taugt einfach nicht f\u00fcr die Welt, in der er leben m\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleist hat in seinen letzten Jahren mehrfach versucht, Anschluss zu finden an Str\u00f6mungen seiner Zeit, und es ist ihm fast immer grandios misslungen. 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