{"id":330,"date":"2011-09-02T16:35:49","date_gmt":"2011-09-02T14:35:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=330"},"modified":"2012-03-01T18:19:49","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:49","slug":"kleist-und-der-zeitgeist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/09\/02\/kleist-und-der-zeitgeist\/","title":{"rendered":"Kleist und der Zeitgeist"},"content":{"rendered":"<p>Kleist war immer dann sehr gut, wenn er sein eigenes Ding gemacht hat. Auch<em> Der Zerbrochne Krug<\/em> und <em>Penthesilea<\/em> k\u00f6nnen nat\u00fcrlich auf Vorbilder und Traditionen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, und doch sind sie, jedes St\u00fcck in seinem Genre, etwas ganz eigenes und bis heute singul\u00e4r und meisterhaft. Wenn sich Kleist, vor dem Hintergrund seiner Geld- oder gar Existenznot, an einen echten oder vermeintlichen Zeitgeist ranwanzte, kam entweder etwas sehr disparates wie <em>Das K\u00e4thchen von Heilbronn<\/em> oder <em>Die Herrmannsschlacht<\/em> heraus (weil der einzigartige, befremdende, spannende Kleist dann doch an jeder Ecke hervorlugte) oder etwas wirklich schlechtes. Zu der letzteren Gruppe geh\u00f6ren diverse Hasspamphlete, die gern unter dem euphemistischen Titel \u201ePolitische Lyrik\u201c zusammengefasst werden.<!--more--><\/p>\n<p>Dass Kleist ein zunehmendes Problem mit der Besetzung durch die franz\u00f6sischen Truppen bekam, kann man in seinem <em>Brief an Ulrike von Kleist vom August 1808<\/em> ahnen:<\/p>\n<blockquote><p>Gleichwohl ist die Bedingung, unter der ich hier lebe; noch ertr\u00e4glich, und ich f\u00fcrchte sehr, da\u00df es euch Allen nicht besser geht. Ich habe jetzt wieder ein St\u00fcck, durch den hiesigen Ma\u00eetre de plaisir, Grf. Vizthum, an die S\u00e4chsische Hauptb\u00fchne verkauft, und denke dies, wenn mich der Krieg nicht st\u00f6rt, auch nach Wien zu thun; doch nach Berlin geht es nicht, weil dort nur \u00dcbersetzungen kleiner franz\u00f6sischer St\u00fccke gegeben werden; und in Cassel ist gar das deutsche Theater ganz abgeschafft und ein franz\u00f6sisches an die Stelle gesetzt worden. So wird es wohl, wenn Gott nicht hilft, \u00fcberall werden. Wer wei\u00df, ob jemand noch, nach hundert Jahren, in dieser Gegend deutsch spricht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier bef\u00fcrchtet jemand, der sein gesamtes Leben bisher damit besch\u00e4ftigt war, Fu\u00df zu fassen, Lebensentw\u00fcrfe zu entwickeln, wieder fallen zu lassen und finanziell auch nur halbwegs \u00fcber die prek\u00e4ren Runden zu kommen, dass ihm endg\u00fcltig die Lebensgrundlage, die deutsche Sprache, entzogen wird. Von einem Hass auf die Franzosen ist aber hier nicht wirklich etwas zu sp\u00fcren, es ist das St\u00f6hnen unter sehr schwierigen Lebensbedingungen, gemischt mit Fatalismus, zudem in einem klassischen Kontext bei Briefen an seine Schwester: Er m\u00f6chte sich mal wieder von ihr Geld leihen.<\/p>\n<p>Nur ein Jahr sp\u00e4ter schreibt Kleist u.a. folgende Zeilen \u00fcber die Franzosen:<\/p>\n<blockquote><p>Alle Pl\u00e4tze, Trift\u2019 und St\u00e4tten,<br \/>\nF\u00e4rbt mit ihren Knochen wei\u00df;<br \/>\nWelchen Rab\u2019 und Fuchs verschm\u00e4hten,<br \/>\nGebet ihn den Fischen preis;<br \/>\nD\u00e4mmt den Rhein mit ihren Leichen;<br \/>\nLa\u00dft, gest\u00e4uft von ihrem Bein,<br \/>\nSch\u00e4umend um die Pfalz ihn weichen,<br \/>\nUnd ihn dann die Gr\u00e4nze sein!<\/p>\n<p>Eine Lustjagd, wie wenn Sch\u00fctzen<br \/>\nAuf die Spur dem Wolfe sitzen!<br \/>\nSchlagt ihn todt! Das Weltgericht<br \/>\nFragt euch nach den Gr\u00fcnden nicht!<\/p><\/blockquote>\n<p>Die <em>Ode<\/em>, aus der diese Strophe stammt, <em>Germania an ihre Kinder<\/em>, ist die ber\u00fcchtigste aller Hetztiraden Kleists, und au\u00dfer \u00fcberzeugten Nationalsozialisten, die <em>Franken<\/em> nur durch \u201eJuden\u201c ersetzen mussten, um sich 1A-Nazilyrik zu bauen, schaut die Welt fassungslos auf diese Machwerke. Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein so an Menschen interessierter K\u00fcnstler wie Kleist innerhalb k\u00fcrzester Zeit zum Vernichtungs&shy;propagandisten mutieren kann, der den <em>Franzmann<\/em> (im <em>Kriegslied der Deutschen<\/em>) mit unverz\u00fcglich zu vernichtendem Ungeziefer gleichsetzt. Aus den privaten Briefen nachzuvollziehen ist diese Entwicklung kaum, ein ideologisches Gedankengeb\u00e4ude, aus dem man eine Entwicklung des K\u00fcnstlers zum potentiell terrroristischen Schl\u00e4fer ablesen k\u00f6nnte, l\u00e4sst sich nicht finden.<\/p>\n<p>Hinweise gibt es daf\u00fcr darauf, dass sich Kleist ein neues Gesch\u00e4ftsmodell aufzubauen erhoffte: Vom erfolglosen Produzenten nicht gedruckter und gespielter, erst postum als Meisterwerk klassifizierter St\u00fccke und Erz\u00e4hlungen hin zum gut bezahlten Propagandaautoren der Deutschen. In seinem Brief an Heinrich Joseph von Collin vom 20. und 23. April 1809 schreibt er: <em>Geben Sie die Gedichte, wenn sie Ihnen gefallen, Degen oder wem Sie wollen, in \u00f6ffentliche Bl\u00e4tter zu r\u00fccken, oder auch einzeln (nur nicht zusammenh\u00e4ngend, weil ich eine gr\u00f6\u00dfere Sammlung herausgeben will) zu drucken; ich wollte, ich h\u00e4tte eine Stimme von Erz, und k\u00f6nnte sie, vom Harz herab, den Deutschen absingen.<\/em><\/p>\n<p>Aber wir wissen: Auch das hat nicht geklappt. <em>Die Herrmannsschlacht<\/em>, die von Kleist auch als Propagandast\u00fcck gedacht war, wurde zu Lebzeiten nicht gedruckt oder aufgef\u00fchrt, es kursierten nur einzelne Manuskripte; und seine Flugbl\u00e4tter, f\u00fcr die er (zun\u00e4chst) nicht einmal Geld wollte, kamen nicht unters Volk. Sein Versuch, nach dem Ende des Kulturmagazins <em>Ph\u00f6bus<\/em> eine <em>patriotische<\/em> Wochenzeitschrift <em>Germania<\/em> herauszubringen, scheiterte grandios, das Blatt wurde gar nicht zugelassen. In seinem <em>Brief an Ulrike von Kleist vom 17. Juli 1809<\/em> schreibt er, nachdem sich der Germania-Plan zerschlagen hat: <em>So lange ich lebe, vereinigte sich noch nicht soviel, um mir eine frohe Zukunft hoffen zu lassen; und nun vernichten die letzten Vorf\u00e4lle nicht nur diese Unternehmung \u2013 sie vernichten meine ganze Th\u00e4tigkeit \u00fcberhaupt.<\/em><\/p>\n<p>Der Lebensentwurf Hetzpropaganda als Einnahmequelle scheitert. Kleist hatte sich mit vollem Einsatz in dieses zweifelhafte Feld geworfen, sein Hang zu Gewaltphantasien wird ihm dabei sicher geholfen haben. Nachdem ihm bewusst geworden ist, dass auch daraus nichts wird, bricht er, nach allem, was wir wissen, zusammen: F\u00fcr ein halbes Jahr sind keinerlei Briefe \u00fcberliefert, der Brief an Ulrike ist sein vorerst letzter; lange kursieren Ger\u00fcchte, er sei gestorben. Ende 1809 taucht er wieder auf, es besteht Grund zu der Annahme: aus einer tiefen Depression.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleist war immer dann sehr gut, wenn er sein eigenes Ding gemacht hat. 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