{"id":423,"date":"2011-10-03T14:55:56","date_gmt":"2011-10-03T12:55:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=423"},"modified":"2012-03-01T18:19:48","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:48","slug":"utopie-und-zerstoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/10\/03\/utopie-und-zerstoerung\/","title":{"rendered":"Utopie und Zerst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>In vielen Berichten \u00fcber die Wochen nach dem 11. September 2001, so auch in der <a title=\"Kleist, der 11. September und die Gewalt\" href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/09\/11\/kleist-der-11-september-und-die-gewalt\/\">schon zitierten Wochenendbeilage in der SZ vom 10. September dieses Jahres<\/a>, wird ausf\u00fchrlich die gro\u00dfe Solidarit\u00e4t unter den New Yorkern geschildert, sich \u00e4u\u00dfernd insbesondere durch die vielen, auch heute noch sehr anr\u00fchrenden gegenseitigen, unentgeltlichen Hilfeleistungen unter Wildfremden. New York war zusammenger\u00fcckt gegen eine unheimliche Macht von au\u00dfen, durch die es in den Grundfelsen ersch\u00fcttert war. Gemeinsam versuchte man in einer sonst als extrem hektisch erlebten Metropole, das Trauma durch gro\u00dfe Solidarit\u00e4t untereinander zu bew\u00e4ltigen. In seiner kurzen Erz\u00e4hlung <em>Das Erdbeben in Chili<\/em>, urspr\u00fcnglich unter dem, den Namen der Hauptfiguren folgenden Titel <em>Jeronimo und Josephe<\/em> 1807 ver\u00f6ffentlicht, beschreibt Kleist genau diese besondere Stimmung und beschw\u00f6rt eine Utopie einer klassenlosen Gesellschaft herauf, in der quasi, <a title=\"Jesaja 65 bei bibel-online.net\" href=\"http:\/\/www.bibel-online.net\/text\/luther_1912\/jesaja\/65\/\" target=\"_blank\">wie bei Jesaja<\/a>, ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen werden, Wolf und Lamm zugleich weiden und L\u00f6we und Rind friedlich miteinander leben. <!--more--><\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, wie Kleist diese Stimmung beschreibt, die sich so glasklar mit der oft geschilderten Stimmung nach dem Anschlag von New York deckt. Freilich: Die gelebte Utopie w\u00e4hrt nicht lange. Eine durch die Katastrophe traumatisierte Gesellschaft kippt aus dem friedlichen, klassenlosen Miteinander innerhalb weniger Stunden in ein entsetzliches, entfesseltes Gemetzel, in einen ungeheuren Gewaltexzess.<\/p>\n<p>Die Grundsituation der Erz\u00e4hlung hat schon revolution\u00e4res, buchst\u00e4blich umst\u00fcrz&shy;lerisches Potential: Ein von einer engstirnigen, religi\u00f6s orthodoxen Gesellschaft verfolgtes Liebespaar erh\u00e4lt durch ein katastrophales Erdbeben, bei dem kein Stein auf dem anderen bleibt, eine zweite Chance und gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit. Eine positive Gesellschaftsutopie, entstanden aus der totalen Anarchie. Kleist zeigt die M\u00f6glichkeit, die Machbarkeit auf, einen Wimpernschlag lang \u2013 bevor die positive Anarchie in die schrecklichstm\u00f6gliche umschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Auf wenigen Seiten schildert Kleist, wozu Menschen f\u00e4hig sind, ohne jeden Versuch einer Erkl\u00e4rung, mit trockenen Worten, in schon gewohnt atemlosem Sprachduktus \u2013 wie <em>Penthesilea<\/em> l\u00e4sst sich auch dieser Text nur in einem gro\u00dfen Rutsch lesen, als w\u00e4re er ein einziger Satz. Erst wenige Zeilen vor Schluss bremst er, kommt mit quietschenden Bremsen zum Stehen und l\u00e4sst den Leser wieder einmal erschrocken, befremdet, anger\u00fchrt in der Staubwolke allein.<\/p>\n<p>Einer der wenigen \u00dcberlebenden ist der kleine Sohn des brutal gemetzelten Liebespaares, und Freunde des Paares nehmen es als Pflegekind an, nachdem ihr eigenes Kind <em>bei den Beinen (&#8230;) hochher im Kreise geschwungen, an eines Kirchpfeilers Ecke zerschmettert<\/em> wurde. Und so lautet der Schlusssatz: <em>Don Fernando und Donna Elvire nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als m\u00fc\u00dft er sich freuen.<\/em><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Ende. Es geht kaum als Happy End durch, kann es gar nicht, wenige Zeilen nach dem totalen Blutrausch. Die M\u00f6glichkeit der, auch ein wenig die Verpflichtung zur Freude ist f\u00fcr Don Fernando, einen der wenigen \u00dcberlebenden, so befremdlich wie f\u00fcr den Leser.<\/p>\n<p><em>Das Erdbeben von Chili<\/em> ist vielleicht erst f\u00fcr Leser des 20. und 21. Jahrhunderts, f\u00fcr Menschen, f\u00fcr die Auschwitz, der 11. September und Abu Ghraib zur Geschichte der Menschheit geh\u00f6ren, nachvollziehbar. Die gro\u00dfe, immer noch schockierende Wahrheit dieses kleinen Textes erschlie\u00dft sich vielleicht erst heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vielen Berichten \u00fcber die Wochen nach dem 11. September 2001, so auch in der schon zitierten Wochenendbeilage in der SZ vom 10. 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