{"id":455,"date":"2011-10-29T09:43:19","date_gmt":"2011-10-29T07:43:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=455"},"modified":"2012-03-01T18:19:48","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:48","slug":"blitzgescheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/10\/29\/blitzgescheit\/","title":{"rendered":"Blitzgescheit"},"content":{"rendered":"<p>Auf die B\u00fchne gehen und einfach mit dem Spielen beginnen \u2013 mit leerem Kopf, ohne eine einzige Idee, ohne sich eine Geschichte vorher \u00fcberlegt zu haben, darauf vertrauend, dass die Mitspieler gleich folgen werden und in der puren Interaktion die Geschichte von allein entstehen wird. Und am Ende des Theaterabends mit dem Publikum gemeinsam staunen, dass so etwas m\u00f6glich ist: Eine spannende Geschichte mit Anfang, Mitte und Schluss zu erz\u00e4hlen, ohne dass man sie auch nur im Ansatz vorher kennt.<\/p>\n<p>1994 entwickelten wir im Freien Erlanger Theater DWARD in mehreren spannenden Monaten wie in einem Labor neue Spiel- und Erz\u00e4hlformen \u2013 zun\u00e4chst nur kleine Szenen, bald aber gro\u00dfe abendf\u00fcllende, dreiaktige St\u00fccke. Ausgangspunkt waren Ver\u00f6ffent&shy;lichungen des kanadischen Theatersportpapstes <a title=\"Keith Johnstone bei Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Keith_Johnstone\" target=\"_blank\">Keith Johnstone<\/a>, die uns zeigten, dass dieser entscheidende Schritt, vor dem jeder Schauspieler zun\u00e4chst eine Art Urangst hat, m\u00f6glich ist: Auf die B\u00fchne gehen, ohne zu wissen, was man dort tun wird. V\u00f6llig blank im Kopf.<\/p>\n<p>Im Dezember 1810 ver\u00f6ffentlichte Kleist in den <em>Berliner Abendbl\u00e4ttern<\/em> einen kleinen Aufsatz <em>Von der \u00dcberlegung. (Eine Paradoxe)<\/em>, der sich, gerade zusammen gelesen mit seinem nur wenige Tage sp\u00e4ter publizierten Schwestertext <em>\u00dcber das Marionettentheater<\/em> und dem anderen ber\u00fchmten Kleist-Aufsatz <em>\u00dcber die allm\u00e4hlige Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/em> wie das Urmanifest schlechthin zur Spontaneit\u00e4t liest.<!--more--><\/p>\n<p>Der Text <em>Von der \u00dcberlegung<\/em> ist kurz, gerade eine Seite, so kurz wie die meisten Texte in den <em>Berliner Abendbl\u00e4ttern, <\/em>kaum mehr als eine Skizze. Entscheidungen f\u00e4llen wir, sagt er, ohne gro\u00dfe \u00dcberlegungen. <em>Die \u00dcberlegung (&#8230;) findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach, als vor der That. <\/em>Wenn der Ringer sich vor dem Zupacken erst noch \u00fcberlegen muss, ob er links oder rechts angreift, wird er wom\u00f6glich Probleme bekommen. Erst nachdem alles vorbei ist, setzt das eigentliche Denken ein, entweder im bewussten Analysieren und Reflektieren des Geschehens oder ganz automatisch, wenn das Geschehene nach der Tat immer wieder im Kopf abl\u00e4uft. Bewusstes Hin- und Herwenden im Vorhinein <em>scheint (&#8230;) nur die zum Handeln n\u00f6tige Kraft, die aus dem herrlichen Gef\u00fchl quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdr\u00fccken.<\/em><\/p>\n<p>Der kleine Aufsatz f\u00fcgt sich wunderbar in eine kleine Trilogie der Spontaneit\u00e4t Kleists: Der leere, offene, freie Kopf als Ausgangspunkt aller Taten ist ja auch Thema der beiden gro\u00dfen Aufs\u00e4tze zur Verfertigung der Gedanken beim Reden und zur Ziererei und zur Grazie in <em>\u00dcber das Marionettentheater<\/em>. Einen Gedanken entwickele ich am besten im Gespr\u00e4ch, nicht durch langes Gr\u00fcbeln allein im B\u00fcro. Und eine sch\u00f6ne, grazile Bewegung gelingt mir am besten aus der totalen Unschuld heraus, unreflektiert: Die Marionette bewegt sich leicht, t\u00e4nzerisch und sch\u00f6n, weil ihr das Bewusstsein fehlt. Durch die Reflexion \u00fcber meine Bewegung verliere ich meine Unschuld. Wenn ich vom Baum der Erkenntnis gegessen habe, wird mir eine leichte, grazile, sch\u00f6ne Bewegung kaum noch gelingen.\u00a0Die \u00dcberlegung \u00fcber mein Handeln hemmt mein Handeln. Der wahre Gedanke ist der Gedankenblitz.<\/p>\n<p>Die Spontaneit\u00e4t als Handlungsmaxime finden wir auch in Kleists Leben: <a title=\"Kritik zu den Kleist-Ausstellungen 2011 in der FAZ\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/autoren\/doppelausstellung-zum-jubilaeum-kleists-katzenspruenge-1641208.html\" target=\"_blank\">Die 27.799 km, die er nach der Berechnung einer an der Kleist-WG beteiligten Schulklasse in seinem Leben zur\u00fcckgelegt hat<\/a>, zeugen davon, setzte er sich doch immer dann in die Postkutsche, wenn er mit seinem aktuell gef\u00fchrten Leben nicht mehr zurande kam. Die Briefe, in denen er \u00fcber den korrigierten Lebensentwurf reflektierte, schrieb er dann immer erst von unterwegs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf die B\u00fchne gehen und einfach mit dem Spielen beginnen \u2013 mit leerem Kopf, ohne eine einzige Idee, ohne sich eine Geschichte vorher \u00fcberlegt zu haben, darauf vertrauend, dass die Mitspieler gleich folgen werden und in der puren Interaktion die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/10\/29\/blitzgescheit\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[38,18,19,10,39],"class_list":["post-455","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufsaetze","tag-berliner-abendblaetter","tag-entscheidungen","tag-lebensentwuerfe","tag-ueber-das-marionettentheater","tag-ueber-die-allmaehlige-verfertigung-der-gedanken-beim-reden"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=455"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/455\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":499,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/455\/revisions\/499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}