{"id":461,"date":"2011-12-09T08:16:48","date_gmt":"2011-12-09T07:16:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=461"},"modified":"2012-03-01T18:19:48","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:48","slug":"es-geht-aufs-ende-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/12\/09\/es-geht-aufs-ende-zu\/","title":{"rendered":"Es geht aufs Ende zu"},"content":{"rendered":"<p>Au\u00dferkleistblogm\u00e4\u00dfige Belastungen <a title=\"Zwei B\u00e4ren auf Tour: Der Weihnachtsfilm 2011\" href=\"http:\/\/www.ulliundbaer.de\/weihnachtsfilm2011\/index.html\" target=\"_blank\">wie diese<\/a>, ein kurzer Urlaub, eine nervt\u00f6tende Erk\u00e4ltung und dergleichen mehr haben dazu beigetragen, dass ich seit \u00fcber einem Monat hier keinen neuen Eintrag vorgenommen habe. Aber es kommt noch etwas dazu: Die bald einj\u00e4hrige Begleitung Kleists auf seinem turbulenten Lebensweg kommt bald an ihr Ende. Und ich scheue vor diesem Ende zur\u00fcck \u2013 weniger vor dem Ende meines Kleistjahrs, als vielmehr vor Kleists Ende, dem Suizid.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Schwerpunkt meines Lesenovembers waren die <em>Berliner Abendbl\u00e4tter<\/em>, Kleists letztes gro\u00dfes Projekt vor seinem Tod. Die ersten Monate seiner Tageszeitung verliefen spannend und lebendig und strahlten Kreativit\u00e4t und eine gewisse Gel\u00f6stheit aus, das Blatt lief vergleichsweise erfolgreich. Aber schon im Dezember 1810 h\u00e4ufen sich die Probleme, Kleist muss den Verleger wechseln und hat \u00c4rger mit dem alten, und der v\u00f6llig missgl\u00fcckte und auf ein sehr schwaches Nervensystem und gro\u00dfe Verzweiflung hindeutende Versuch, die <em>Berliner Abendbl\u00e4tter<\/em> mit staatlich-preu\u00dfischer Hilfe quasi zu einem Amtsblatt zu machen, die w\u00fcste Beschimpfung der Verantwortlichen bei der preu\u00dfischen Regierung bis hin zur Duellforderung nach dem ablehnenden Bescheid; der offensichtliche auch inhaltliche Niedergang der Zeitung im Fr\u00fchjahr 1811 mit nur noch wenigen origin\u00e4ren und originellen Ver\u00f6ffentlichungen von Kleist \u2013 all das ist bedr\u00fcckend und traurig.<\/p>\n<p>Kleists Nerven liegen blank, die finanziellen Verh\u00e4ltnisse sind katastrophal, und als auch Kleists \u00fcber Jahre so endlos geduldige Schwester Ulrike einen weiteren finanziellen Rettungsschirm nur noch unter der Bedingung zusichern m\u00f6chte, dass sie die Hoheit \u00fcber die Verwendung der Gelder beh\u00e4lt und die Geschwister sich daraufhin ernsthaft zerstreiten, muss sich in Kleists Kopf alles zu einem nicht mehr entwirrbaren Netz zusammengezogen haben.<\/p>\n<p>Mit 200 Jahren Abstand einem Menschen zuzuschauen, wie er einem Suizid entgegenlebt, ist schwierig. Diese Entwicklung nur beobachten zu k\u00f6nnen, ohne die M\u00f6glichkeit eines helfenden Eingriffs, tut weh, das Gef\u00fchl von Hilflosigkeit gegen\u00fcber einem Menschen, der mir tats\u00e4chlich auch pers\u00f6nlich nahe gekommen ist in den vergangenen Monaten, ist schwer zu ertragen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das nicht weit entfernt von dem Gef\u00fchl, das viele Angeh\u00f6rige und Freunde von Menschen haben, die sich umgebracht haben. Nach dem Suizid schaue ich ganz anders auf die letzten Monate, ja, auf das gesamte Leben dieses Menschen zur\u00fcck, frage mich, ob ich alles richtig gemacht habe, ob ich ihm h\u00e4tte helfen oder bessere Hilfen h\u00e4tte vermitteln k\u00f6nnen. Ich versuche, den Suizid zu verstehen, um selbst damit fertig zu werden. Ich suche nach Krankheitsbildern, die zum Suizid f\u00fchrten, nach Umwelteinfl\u00fcssen, ich lese die alten Briefe und E-Mails neu und suche in und zwischen den Zeilen nach Hinweisen, die ich wom\u00f6glich fr\u00fcher h\u00e4tte entschl\u00fcsseln m\u00fcssen. Wom\u00f6glich, wie es sehr viele im Fall von Kleist getan haben, heroisiere ich die Katastrophe zum \u201eFreitod\u201c.<\/p>\n<p>Es ist v\u00f6llig egal, ob Kleist und Henriette Vogel wenige Stunden vor dem Ende ausgelassen rund ums Stolper Loch getanzt sind, eine Heroisierung ist v\u00f6llig fehl am Platze. Der Suizid ist der letzte Ausdruck v\u00f6lliger Verzweiflung und tief empfundener Aussichtslosigkeit. Wenn ich mein Leben nach langer, letzter Krise innerlich hinter mir gelassen habe, kann ich vor dem letzten Schritt ganz ruhig und entspannt sein. Dann kann ich auch tanzen und singen, bevor ich mir den Lauf der Pistole in den Mund stecke.<\/p>\n<p>So spiele ich nun in diesen letzten Wochen meines Kleistjahrs den Verlust eines nahestehenden Menschen durch, dem nach eigener Aussage <em>auf Erden nicht zu helfen war<\/em>, dessen Suizid ich nicht verhindern konnte. Die alte Regel, dass, wer sich umbringen will, das auch schaffen wird, dass jeder selbst f\u00fcr sein Leben verantwortlich ist, bis hin zum Recht, es selbst zu beenden, diese Regel kann sich der Angeh\u00f6rige immer und immer wieder sagen, er kann sie auch rational verstehen \u2013 es bleibt der bittere Verlust und das Gef\u00fchl der Hilflosigkeit.<\/p>\n<p>Ist es ein Wunder, dass ich vor den letzten Texten Kleists z\u00f6gere?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Au\u00dferkleistblogm\u00e4\u00dfige Belastungen wie diese, ein kurzer Urlaub, eine nervt\u00f6tende Erk\u00e4ltung und dergleichen mehr haben dazu beigetragen, dass ich seit \u00fcber einem Monat hier keinen neuen Eintrag vorgenommen habe. 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