{"id":464,"date":"2011-12-18T13:13:46","date_gmt":"2011-12-18T12:13:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=464"},"modified":"2012-03-01T18:19:48","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:48","slug":"unter-gespenstern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/12\/18\/unter-gespenstern\/","title":{"rendered":"Unter Gespenstern"},"content":{"rendered":"<p>Dann doch durchaus romantikaffin hat Kleist (neben weiteren gelegentlichen Ausfl\u00fcgen ins Wunderbare und Magische) zwei Gespenstergeschichten geschrieben, die mehrfach in einschl\u00e4gige Anthologien aufgenommen wurden und so schon vor rund drei\u00dfig Jahren mich als Leser fanden. Jetzt freute ich mich, ihnen im Rahmen meiner systematischen Kleistlekt\u00fcre wieder begegnen zu d\u00fcrfen. Sie sind heute noch gut, ungew\u00f6hnlich ungruselig und schon deshalb besonders reizvoll.<!--more--><\/p>\n<p><em>Das Bettelweib von Locarno<\/em> und die Erz\u00e4hlung mit dem besonders n\u00fcchternen Titel <em>Geistererscheinung<\/em> erschienen beide in den <em>Berliner Abendbl\u00e4ttern<\/em>, letztere war eine der letzten Ver\u00f6ffentlichungen von Kleist in diesem Blatt. In beiden Erz\u00e4hlungen w\u00e4hlt Kleist seinen schon sattsam bekannten extrem n\u00fcchternen Stil, der fast journalistisch wirkt, distanziert, sachlich \u2013 als l\u00e4ge ihm nichts ferner, als Spannung zu erzeugen, was \u00fcblicherweise ja wohl das Ziel einer Gespenstergeschichte ist.<\/p>\n<p><em>Geistererscheinung<\/em> entfaltet dabei sogar eine gewisse Komik. Die Geschichte, die \u00fcber weite Strecken im hellen Tageslicht spielt, schildert die Geschichte des <em>erzdummen<\/em> Bauernjungens Joseph, dem wegen eines Geistes ziemlich \u00fcbel mitgespielt wird \u2013 allerdings weniger vom Geist selbst, als vielmehr von seiner Verwandtschaft, die den Jungen wegen des Geistes regelm\u00e4\u00dfig und schlie\u00dflich fast gewohnheitsm\u00e4\u00dfig verpr\u00fcgelt:<\/p>\n<blockquote><p>Joseph schreit f\u00fcrchterlich, alle seine Geschwister werden wach und schreien mit, die Eltern eilen voll Angst herbei, sie besorgen Feuer oder Mord, beruhigen sich aber bald, da sie sehen, da\u00df nur der dumme Joseph etwas gepr\u00fcgelt wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Warum erscheint immer wieder der n\u00e4chtliche Geist? Er verfolgt, und da weicht die Erz\u00e4hlung von allen Gespenstergeschichtenkonventionen ab, ganz eigene Interessen. Er bringt Joseph dazu, an einer bestimmten Stelle auf dem Acker zu graben, dort w\u00fcrde er eine Menge Gebeine finden und darunter eine Schatztruhe. Die Gebeine findet Joseph tats\u00e4chlich, nur nach der Schatztruhe sucht das ganze Dorf vergebens \u2013 nennen wir\u2019s einfach mal beim Namen: Der Geist, der sichergehen wollte, dass seine Knochen endlich ordnungsgem\u00e4\u00df begraben werden, hat Joseph schlicht angelogen, ach was: verarscht. Das Ganze bringt Kleist auf wenigen Seiten lakonisch und ohne die Pointe gro\u00dfartig zu betonen, und allein dadurch ist die Geschichte schon sehr h\u00fcbsch und unterhaltsam zu lesen \u2013 eine kleine Perle in der ansonsten nicht zu \u00fcbersehenden \u00d6dnis der letzten <em>Abendbl\u00e4tter<\/em>-Monate.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung <em>Das Bettelweib von Locarno<\/em> hat, nicht zuletzt, weil sie Eingang fand in den zweiten Band der noch zu Lebzeiten ver\u00f6ffentlichten <em>Erz\u00e4hlungen<\/em>, eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Ber\u00fchmtheit erlangt, dabei ist sie der Geschichte von der <em>Geistererscheinung<\/em> gar nicht un\u00e4hnlich, was Stil und Lakonie betrifft. Ihr fehlt allerdings der Humor und, wichtiger noch, die erz\u00e4hlerische Logik letzterer. Eine fast allen Gespenstergeschichten zugrunde liegende Bedingung f\u00fcr ihr Funktionieren ist ja, dass, auch wenn und gerade weil es \u00fcbersinnlich und jenseits der Naturgesetze zugeht, die Geschichte einer selbstgestrickten inneren Logik\u00a0 folgt: Jemand erscheint (wie in \u201eHamlet\u201c) nach seinem Tode wieder, weil er ermordet worden und der M\u00f6rder noch nicht seiner gerechten Strafe zugef\u00fchrt worden ist; ein Haus wird (wie in \u201ePoltergeist\u201c) von Gespenstern heimgesucht, weil es verbotenerweise auf einem Friedhof errichtet worden ist etc. Dem Bettelweib von Locarno ist aber nicht wirklich \u00fcbel mitgespielt worden, au\u00dfer dass der Hausherr des Geb\u00e4udes, in dem es sich etwas ausruhen wollte, es unwillig aufgefordert hat, sich bitte in der anderen Zimmerecke niederzulassen. Wirklich nachvollziehbare Begr\u00fcndungen f\u00fcr den Spuk gibt es hier keine. Wenn so etwas reichte, Toten die ewige Ruhe zu nehmen, t\u00e4te wohl die gesamte Menschheit nachts kein Auge mehr zu.<\/p>\n<p>Hier reicht es, und es f\u00fchrt dazu, dem Hausherrn die Ruhe im Leben zu nehmen, mit all den Katastrophen, ohne die es bei Kleist offensichtlich nicht geht. Am Ende ist eine Familie zerst\u00f6rt und ein Schloss liegt in Schutt und Asche. Die atemlose Stringenz, das Unausweichliche, wie es <em>Das Erdbeben in Chili<\/em> kennzeichnet, fehlen hier, es wirkt etwas bem\u00fcht. Reizvoll ist <em>Das Bettelweib von Locarno<\/em> gleichwohl: Wieder eine Erz\u00e4hlung im hochsachlichen Ton und inhaltlich neben der Spur, durchaus faszinierend und etwas verst\u00f6rend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dann doch durchaus romantikaffin hat Kleist (neben weiteren gelegentlichen Ausfl\u00fcgen ins Wunderbare und Magische) zwei Gespenstergeschichten geschrieben, die mehrfach in einschl\u00e4gige Anthologien aufgenommen wurden und so schon vor rund drei\u00dfig Jahren mich als Leser fanden. 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