{"id":470,"date":"2011-12-30T13:40:36","date_gmt":"2011-12-30T12:40:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=470"},"modified":"2012-03-01T18:19:48","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:48","slug":"unter-heissen-thraenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/12\/30\/unter-heissen-thraenen\/","title":{"rendered":"Unter hei\u00dfen Thr\u00e4nen"},"content":{"rendered":"<p>Wann Kleists Erz\u00e4hlung <em>Der Zweikampf<\/em> entstanden ist, ist nicht \u00fcberliefert \u2013 wie fast durchgehend bei ihm \u00fcblich, hat er auch \u00fcber den Entstehungsprozess dieses Werks in seinen bekannten Briefen nichts, aber auch gar nichts geschrieben. Ver\u00f6ffentlicht wurde sie, u.a. mit der ebenfalls undatierten Geschichte <em>Die Verlobung in St. Domingo<\/em>, im zweiten Band seiner <em>Erz\u00e4hlungen<\/em> im Sommer 1811, noch zu Lebzeiten also. Beide fallen auf jeweils eigene Art ein wenig aus dem Rahmen.<!--more--><\/p>\n<p><em>Die Verlobung in St. Domingo<\/em> bewegt sich kleisttypisch innerhalb eines Krisenszenarios: mitten in einem B\u00fcrgerkrieg Wei\u00dfe gegen Schwarze. Anders als fast alle Kleist-Erz\u00e4hlungen kommt sie fast wie ein Drehbuch daher: Statt des gewohnten sachlichen Reportagetons, der z.B. <em>Das Erdbeben in Chili<\/em> kennzeichnet und wodurch eine betont k\u00fchle, entfernte Perspektive auf ein ungeheuerliches, emotional extrem aufgeladenes Geschehen eingenommen wird, w\u00e4hlt Kleist hier die direkte Sichtweise auf Augenh\u00f6he mit seinen Protagonisten. Minuti\u00f6s gibt er Dialoge wieder, beschreibt genau Mimik und Gestik und taucht tief in die beklemmende Atmosph\u00e4re ein. In einem bleibt er sich aber treu: Die Story endet einmal mehr in der Katastrophe, die m\u00e4nnliche Hauptfigur erschie\u00dft vorschnell die Geliebte und danach sich selbst (durch einen Schuss in den Mund, die Suizidmethode, die sp\u00e4ter auch Kleist f\u00fcr sich selbst w\u00e4hlte), den \u00dcberlebenden bleibt mal wieder, Blut und Hirn von den W\u00e4nden zu kratzen. Am Jahresende versp\u00fcre ich, was die Enden von Kleists Erz\u00e4hlungen betrifft, eine leichte M\u00fcdigkeit \u2013 ein \u00dcberleben seiner Hauptfiguren h\u00e4tte ich auch einmal sch\u00f6n gefunden.<\/p>\n<p><em>Der Zweikampf<\/em> war in meinem ganzen Kleistjahr das einzige Werk des Autors, das ich mit gro\u00dfem Widerwillen, quasi nur aus selbstauferlegter Pflicht zu Ende gelesen habe. Eine Geschichte, durch die mir kaum ein Durchblicken m\u00f6glich war, in einem seltsam fiktiven Mittelalter, mit einer nicht enden wollenden und \u00fcberaus kompliziert erz\u00e4hlten Exposition \u2013 und einem dann verbl\u00fcffend billigen H\u00f6hepunkt, der der Erz\u00e4hlung den Titel gab, kurz: eine Erz\u00e4hlung, der es tats\u00e4chlich und nachhaltig nicht gelang, mich f\u00fcr sie einzunehmen. Sprachlich landet Kleist dabei verbl\u00fcffenderweise zum Teil in reinem Kitsch. Da sagt jemand nicht einfach einen Satz, nein, er sagt ihn <em>gl\u00fchend<\/em>; und jemand wendet sich nicht nur von jemand anderem ab, er tut es <em>verachtungsvoll<\/em>. Es wird nicht geheult, sondern es werden grunds\u00e4tzlich <em>hei\u00dfe Thr\u00e4nen auf das Tuch niedergeweint<\/em>, und wenn es ganz schlimm wird, steigt<em> ihm die Thr\u00e4ne hei\u00dfen m\u00e4nnlichen Schmerzes ins Auge<\/em>.<\/p>\n<p>Ist das das Prosa-Pendant zu Kleists kommerziellem Zugest\u00e4ndnis an den Theaterzeitgeschmack <em>Das K\u00e4thchen von Heilbronn<\/em>? Jedenfalls war ich froh, als ich die \u00fcber drei\u00dfig Seiten, die mir wie hundert vorkamen, hinter mir hatte.<\/p>\n<p>Eine kleine Empfehlung noch am Rande: <em>Die heilige C\u00e4cilie oder Die Gewalt der Musik<\/em> geh\u00f6rt zu den weniger bekannten Geschichten Kleists, fasziniert aber auf ihren kaum mehr als zehn Seiten durch hohe Stringenz, gro\u00dfe Spannung und ungew\u00f6hnliche Aufl\u00f6sung. Wieder einmal, durchaus zeittypisch, eine \u00fcbersinnliche, diesmal religi\u00f6s grundierte, Situation, in gewohnt virtuoser und atemloser Manier rasant erz\u00e4hlt. Ein kleines Schmuckst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann Kleists Erz\u00e4hlung Der Zweikampf entstanden ist, ist nicht \u00fcberliefert \u2013 wie fast durchgehend bei ihm \u00fcblich, hat er auch \u00fcber den Entstehungsprozess dieses Werks in seinen bekannten Briefen nichts, aber auch gar nichts geschrieben. Ver\u00f6ffentlicht wurde sie, u.a. mit &hellip; <a href=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/12\/30\/unter-heissen-thraenen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[33,51,62,63,61,21,9,36,30],"class_list":["post-470","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erzaehlungen","tag-das-erdbeben-in-chili","tag-das-kaethchen-von-heilbronn","tag-der-zweikampf","tag-die-heilige-caecilie-oder-die-gewalt-der-musik","tag-die-verlobung-in-st-domingo","tag-gewalt","tag-kleist-lesen","tag-spannung","tag-suizid"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/470","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=470"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/470\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":495,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/470\/revisions\/495"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=470"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}