{"id":473,"date":"2011-12-31T15:15:29","date_gmt":"2011-12-31T14:15:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=473"},"modified":"2012-03-01T18:19:48","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:48","slug":"ueber-das-allmaehlige-begreifen-im-drama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/12\/31\/ueber-das-allmaehlige-begreifen-im-drama\/","title":{"rendered":"\u00dcber das allm\u00e4hlige Begreifen im Drama"},"content":{"rendered":"<p><em>Prinz Friedrich von Homburg<\/em> ist ein gro\u00dfartiges St\u00fcck, anr\u00fchrend, bewegend, zutiefst menschlich, spannend, seltsam, vertr\u00e4umt; es ist der ganze Kleist in einem St\u00fcck, und, das freut einen Unentwegtkleistleser wie mich ja dann doch besonders, es geht zur Abwechslung einmal gut aus. Es ist auch, und das ist mir bei der erneuten Lekt\u00fcre nach mehreren Jahren Abstinenz diesmal aufgefallen, ein regelrechtes Versuchslabor \u00fcber das allm\u00e4hliche Begreifen.<!--more--><\/p>\n<p>Es wimmelt in diesem St\u00fcck von Situationen, in denen ein Mensch erst nach und nach begreift, was geschehen ist oder was noch geschehen wird; oft sind es ganz einfache Dinge, manchmal auch ganz gro\u00dfe. Kleist hat sich schon im <em>Zerbrochnen Krug<\/em> als Meister des Auskostens eines Missverst\u00e4ndnisses gezeigt, dort gehen die kurzen Ausrufe des Nichtbegreifens und des verst\u00e4ndsnislosen Nachfragens, die zusammengesetzt selbstverst\u00e4ndlich immer 1A-Blankverse ergeben, oft \u00fcber halbe Seiten im Dramentext und sch\u00e4rfen die peinlich-komische Situation bis ins fast Unertr\u00e4gliche. <em>Prinz Friedrich von Homburg<\/em> hat durchaus auch seine kom\u00f6diantischen Momente, spielt die Missverst\u00e4ndniskarte aber vor allem bei den gro\u00dfen Fragen aus und f\u00fchrt uns mit diesen zutiefst menschlichen Situationen die Figuren, allen voran die Titelfigur, nah ans Herz.<\/p>\n<p>Im Kleinen ist das z.B. die Szene, in der er begreift, dass das Todesurteil, das \u00fcber ihn gef\u00e4llt wurde, ernst gemeint ist. Es dauert Minuten, bis das Dialoggepl\u00e4nkel, das der Prinz aufrecht zu erhalten versucht, betroffenem Schweigen gewichen ist. Im Gro\u00dfen ist es nat\u00fcrlich das eine gro\u00dfe Thema dieses St\u00fcck selbst, das Kleist vielleicht gar nicht als das gro\u00dfe Thema wahrgenommen hat, das aber aus fast jedem Vers spricht: Der Umgang mit dem eigenen Tod, die Angst davor und endlich das Akzeptieren.<\/p>\n<p>Es ist wahrhaft kein Wunder, dass dieses St\u00fcck, das Kleist allen Ernstes als patriotische Nummer verkaufen wollte und das ihm, so seine Idee, die T\u00fcren zur\u00fcck ins milit\u00e4rische Berufsleben \u00f6ffnen sollte, zehn Jahre nicht gedruckt und lange Zeit kaum bis gar nicht gespielt wurde: F\u00fcr eine milit\u00e4risch gepr\u00e4gte Gesellschaft, die regelm\u00e4\u00dfig neues Kanonenfutter ben\u00f6tigt, kommt ein Soldat in hoher Position, der auf dem H\u00f6hepunkt des St\u00fcckes auf offener B\u00fchne in Todesangst zusammenbricht, gar nicht gut.<\/p>\n<p>Kleist l\u00e4sst seinen Protagonisten durch alle Stationen der Todesangst gehen, bis hin zum Begreifen und Akzeptieren, einem Ruhig werden vor dem Unausweichlichen. Dieser Prozess braucht Zeit, und es ist ungeheuer anr\u00fchrend, dem Prinzen dabei zuzuschauen und diesen Weg mit ihm gemeinsam zu gehen. Das allm\u00e4hliche Begreifen, das in so vielen Szenen auf Mikroebene eine gewisse Komik entfaltet, ist auf der Makroebene eine gro\u00dfe Geschichte \u00fcber den Menschen an sich und seinen Lebensweg bis hin zum unausweichlichen Tod.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es auch eine Geschichte \u00fcber Kleist selbst. Das St\u00fcck d\u00fcrfte im Fr\u00fchjahr und Sommer 1811 entstanden sein, und zu diesem Zeitpunkt zerbrach in seinen Augen sein ganzes Dasein. Finanziell war er durch das fr\u00fche Ende der <em>Berliner Abendbl\u00e4tter<\/em> ruiniert, die Aussicht auf neue Jobs und neues Geld hatte er sich unabsichtlich, aber radikal und nachhaltig verbaut durch w\u00fcste Beschimpfungen, L\u00fcgen und unversch\u00e4mte Bettelbriefe bis hin zur Duellforderung. Der Mann war am Ende. Seine Schwester Ulrike reagierte <em>ungeheuer erschrocken<\/em> auf seinen Anblick, als er (lt. seinem <em>Brief an sie von Ende September 1811<\/em>) sie kurz in Frankfurt besuchte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/12\/31\/ueber-das-allmaehlige-begreifen-im-drama\/imgp4730\/\" rel=\"attachment wp-att-476\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-476\" title=\"Kleists Grab als Baustelle im September 2011\" src=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/IMGP4730-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/IMGP4730-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/IMGP4730-150x112.jpg 150w, https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/IMGP4730-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/IMGP4730.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ich bin sicher, Kleist thematisierte in <em>Prinz Friedrich von Homburg<\/em> auch seinen eigenen Umgang mit dem Tod. Auch ein Suizidaler muss durch die Phase der Angst vor dem Tod durch und wird sich erst umbringen k\u00f6nnen, wenn er diese Phase hinter sich gelassen hat und dem Tod ruhig ins Auge blicken kann. Die regelrechte Heiterkeit, die Kleist offenbar am Tage seines Todes zeigte, ist vielfach und meistens mit Befremden beschrieben worden; nach der Lekt\u00fcre seines letzten St\u00fccks finde ich sie \u00fcberhaupt nicht befremdlich. So wie Prinz Friedrich Arthur von Homburg, nachdem er sein eigenes Grab gesehen hat \u2013 einmal zuf\u00e4llig, einmal es bewusst aufsuchend \u2013, aus der unbedingten, grausigen, ja, peinlichen Todesangst in die ganz gro\u00dfe Ruhe wechselt (<em>Nun, o Unsterblichkeit, bist Du ganz mein!<\/em>), so \u00fcberwand auch Kleist seine Angst vor dem letzten Ende.<\/p>\n<p>Vielleicht ist <em>Prinz Friedrich von Homburg<\/em> das erste St\u00fcck des erwachsenen Heinrich von Kleist \u2013 gegen dieses verblassen alle anderen regelrecht zu wilden Fr\u00fchwerken, Formexperimenten, Sturm-und-Drang-Erg\u00fcssen. Vielleicht brauchte Kleist nach einem kurzen Leben voller Lebensexperimente, wilder Projekte und zahlreicher Momente des Scheiterns diese eine ganz gro\u00dfe Krise 1811, um sein erstes wirklich tiefes und zutiefst menschliches St\u00fcck zu schreiben, so wie Jupitersinfonie und Requiem vielleicht auch Mozarts erste wirklich erwachsene St\u00fccke kurz vor seinem Tod waren.<\/p>\n<p>Vielleicht begreift man kurz vor seinem Tod das Leben besser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prinz Friedrich von Homburg ist ein gro\u00dfartiges St\u00fcck, anr\u00fchrend, bewegend, zutiefst menschlich, spannend, seltsam, vertr\u00e4umt; es ist der ganze Kleist in einem St\u00fcck, und, das freut einen Unentwegtkleistleser wie mich ja dann doch besonders, es geht zur Abwechslung einmal gut &hellip; <a href=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/12\/31\/ueber-das-allmaehlige-begreifen-im-drama\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,8],"tags":[42,11,30],"class_list":["post-473","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dramen","category-und-ueberhaupt","tag-der-zerbrochne-krug","tag-prinz-friedrich-von-homburg","tag-suizid"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=473"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":494,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473\/revisions\/494"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}