{"id":482,"date":"2012-01-20T14:14:38","date_gmt":"2012-01-20T13:14:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=482"},"modified":"2012-03-01T18:19:48","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:48","slug":"sibylle-lewitscharoff-findet-selbstmoerder-abstossend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/01\/20\/sibylle-lewitscharoff-findet-selbstmoerder-abstossend\/","title":{"rendered":"Sibylle Lewitscharoff findet Selbstm\u00f6rder absto\u00dfend"},"content":{"rendered":"<p>Am 20. November 2011 wurde die Schriftstellerin <a title=\"Sibylle Lewitscharoff bei Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sibylle_Lewitscharoff\" target=\"_blank\">Sibylle Lewitscharoff<\/a> mit dem <a title=\"Information zum Kleist-Preis 2011 auf kleist.org\" href=\"http:\/\/www.kleist.org\/kleistpreis\/2011\/index.htm\" target=\"_blank\">Kleist-Preis<\/a> ausgezeichnet. Es ist eine alte Tradition, dass Preistr\u00e4gerinnen und Preistr\u00e4ger in ihrer Dankesrede ihr Verh\u00e4ltnis zu dem Namensgeber beschreiben, und ich bin der S\u00fcddeutschen Zeitung dankbar, dass sie Sibylle Lewitscharoffs Auslassungen zum Thema fast komplett in ihrer Ausgabe vom 21. November 2011 dokumentiert hat. <!--more--><\/p>\n<p>Ich zitiere: \u201eGleich will ich vorwegnehmen, weshalb meine Sympathie f\u00fcr den Mann gleichsam auf langen Z\u00e4hnen transportiert wird: Da w\u00e4re der theatralische Mord und Selbstmord ins Feld zu f\u00fchren, mit dem er geendet hat und dem ich nichts Anziehendes abgewinnen kann. Selbstm\u00f6rder sind charakterlich zumeist eine ungute Mischung aus Weichlichkeit und H\u00e4rte, die auf mich absto\u00dfend wirkt. So auch der weichlich harte Mann Kleist.\u201c<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass der Satz \u00fcber die Selbstm\u00f6rder sprachlich eine ungute Mischung aus Ungenauigkeit und Beklopptheit ist, die ich von einer Kleist-Preistr\u00e4gerin nicht erwartet h\u00e4tte, ist dieses Urteil \u00fcber die Selbstm\u00f6rder in seiner ganzen Borniertheit, Vorurteilsbeladenheit und seinem \u00dcbereinenkammgeschere bemerkenswert. Ich w\u00fcnsche keiner Familie, die einen Angeh\u00f6rigen durch Suizid verloren hat, Sibylle Lewitscharoff als Rednerin beim Begr\u00e4bnis. Es k\u00f6nnte zu unsch\u00f6nen Szenen beim Leichenschmaus danach kommen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n auch, dass Sibylle Lewitscharoff den diskreten Hinweis unterbringt, dass Kleist ein M\u00f6rder war, bevor er sich umbrachte. Abgesehen davon, dass keine Staatsanwaltschaft, die alle f\u00fcnf Rechtsstaatlichkeitssinne beisammen hat, es gewagt h\u00e4tte, Kleist, gesetzt den Fall, der Suizidversuch w\u00e4re missgl\u00fcckt, des Mordes anzuklagen, da es schwer gewesen w\u00e4re, ihm die f\u00fcr diese Anklage n\u00f6tigen niederen Beweggr\u00fcnde zu unterstellen: Aus Lewitscharoffs Worten spricht eine bodenlose Verachtung f\u00fcr das, was Kleist Henriette Vogel und sich angetan hat, eine Haltung, die konsequent den psychischen und im Fall von Vogel auch physischen Zustand der beiden ausblendet. Der zugrunde liegende Zynismus ist vielleicht mit dem schimpfender Bahnpassagiere zu vergleichen, die sich \u00fcber den Egoismus derjenigen aufregen, die den ber\u00fcchtigten Personenschaden im Gleisbett verursachen. Dabei haben Kleist und Vogel noch nicht einmal Versp\u00e4tungen verursacht oder sonstige Beeintr\u00e4chtigungen ihrer Umwelt.<\/p>\n<p>Ein Suizid ist immer eine Katastrophe. Mit Vorw\u00fcrfen und Verachtung gegen\u00fcber dem Toten reagiert man nicht ad\u00e4quat. Gerade im Fall Kleists, dessen letzte Monate so gut dokumentiert sind, dessen letzte Stunden und Tod fast minuti\u00f6s nachvollzogen werden k\u00f6nnen, ist deutlich zu sp\u00fcren, dass Mitleid das viel angebrachtere Gef\u00fchl ist. Es steht mir sicher nicht an, Sibylle Lewitscharoff andere Gef\u00fchle im Umgang mit Suizidopfern zu empfehlen. Aber Ihre \u00c4u\u00dferung deutet auf eine ungute Mischung aus Zynismus und K\u00e4lte in ihrem Charakter hin.<\/p>\n<p>Ach ja: Die Rede rund um die oben zitierte Passage war nat\u00fcrlich deutlich l\u00e4nger. Erhellend war sie in Bezug auf Kleist wenig. Offensichtlich kann Frau Lewitscharoff mit Kleist \u00fcberhaupt nichts anfangen und hat sich beim Schreiben dieser Rede ganz furchtbar einen abgebrochen. Ein bisschen Mitleid mit ihr ist also auch durchaus angebracht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. November 2011 wurde die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. 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