{"id":486,"date":"2012-02-05T16:13:53","date_gmt":"2012-02-05T15:13:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=486"},"modified":"2012-03-01T18:19:47","modified_gmt":"2012-03-01T17:19:47","slug":"abschied-vom-dickkopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/02\/05\/abschied-vom-dickkopf\/","title":{"rendered":"Abschied vom Dickkopf"},"content":{"rendered":"<p>Die M\u00fcnchner Ausgabe der Werke Kleists habe ich ja hier schon gef\u00fchlte tausend Mal gelobt, ein letztes Lob sei hier noch erlaubt: Von der Meldung von Polizeirat Meyer \u00fcber die Obduktionsberichte und der Geb\u00fchrenaufstellung daf\u00fcr bis hin zur Eingabe Marie von Kleists bei Friedrich Wilhelm III. ist in dieser Ausgabe auf 31 eng und kleinbeschriebenen Seiten Kleists letzte Tat dokumentiert, und die Protokolle lesen sich wahrlich interessant.<!--more--><\/p>\n<p>Der Tod von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist war, das ist eindeutig, von langer Hand vorbereitet worden. So entspannt, wie die beiden ihr Leben beschlossen, kann nur jemand sein, der sein Leben im Kopf bereits lange hinter sich hat. Die These, dass Kleist mit <em>Prinz Friedrich von Homburg<\/em> diesen Abschied von seinem Leben und das Akzeptieren des eigenen Todes thematisiert hat, hat sehr viel f\u00fcr sich (auf die zahlreichen Parallelen der Pers\u00f6nlichkeiten von Kleist und Homburg hat ja auch Blamberger in seiner Biographie hingewiesen) und gibt diesem St\u00fcck eine besondere, sehr anr\u00fchrende Note.<\/p>\n<p>Die Protokolle der Vernehmungen der Augenzeugen des Doppelsuizids geben ein sehr \u00fcbereinstimmendes Bild eines lange geplanten und sich ruhig entwickelnden Ablaufs. Dass Kleist erst Henriette Vogel in die Brust schoss und dann sich in den Mund, geh\u00f6rt zu diesen lange geplanten Abl\u00e4ufen dazu. Nicht nur, dass wir diesen Vorgang bereits aus der Erz\u00e4hlung <em>Die Verlobung in St. Domingo<\/em> kennen \u2013 durch Kleists gesamtes Werk ziehen sich schon fast obsessiv gewaltsame Tode, bei denen Gehirnmasse herumspritzt und die W\u00e4nde besudelt. Offenbar war die von Kleist gew\u00e4hlte Todesart, die \u00fcblicherweise wohl zu diesem Herumspritzen f\u00fchrt, schon lange in seinem Kopf pr\u00e4sent. Ein bisschen ironisch mutet da fast schon an, dass die Kugel in Kleists Kopf (wom\u00f6glich entgegen seiner Erwartung) stecken blieb und sich das Gehirn eben nicht verteilt auf die umliegenden B\u00e4ume fand.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist Kleists Ende ein letzter, ironischer Beweis f\u00fcr seinen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Dickkopf. Nicht nur, dass die Kugel seine Sch\u00e4deldecke unverletzt lie\u00df, auch die Obduktion des Gehirns gestaltete sich deutlich schwerer als erwartet \u2013 die S\u00e4ge brach beim Versuch, den Sch\u00e4delknochen zu zerlegen. Die Reparatur des Ger\u00e4ts wurde den Angeh\u00f6rigen sp\u00e4ter in Rechnung gestellt.<\/p>\n<p>Der Obduktionsbericht der Leichen liegt in zwei Versionen vor, einmal als erstes Protokoll unmittelbar nach der Obduktion, und einmal als abschlie\u00dfender Untersuchungsbericht, erschienen ca. 14 Tage sp\u00e4ter. Interessant ist, dass in der zweiten Version, obwohl \u00fcber weite Strecken mit dem ersten Protokoll w\u00f6rtlich identisch, viele Befunde, die in der ersten Version noch als normal eingestuft wurden, neu bewertet erscheinen. Pl\u00f6tzlich wird ausf\u00fchrlich von der \u201ewidernat\u00fcrlich gro\u00dfen\u201c Leber berichtet, der Menge an \u201everdikter Galle\u201c und viel \u201eschwarzem Blut\u201c. Das Ziel ist klar: Gem\u00e4\u00df der im 18. Jahrhundert bereits veralteten <a title=\"Artikel Humoralpathologie auf Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Humoralpathologie\" target=\"_blank\">Humoralpathologie, der Lehre der vier S\u00e4fte<\/a>, sollte der Selbstm\u00f6rder Kleist im Nachhinein zum Geisteskranken gestempelt werden. Marie von Kleist wiederum versuchte in ihrem Brief an Friedrich Wilhelm III., Henriette Vogel zum Kleist zum Tode verf\u00fchrenden Teufel zu stilisieren und die Unschuld Kleists an seinem Selbstmord zu betonen, sicher auch mit dem Ziel, vom K\u00f6nig nicht in Sippenhaft genommen zu werden. Angesichts des gegen\u00fcber heute erheblich gr\u00f6\u00dferen Skandalpotential eines Suizids und der von der Kirche ausge\u00fcbten Verdammung in Folge kein Wunder.<\/p>\n<p>Kleists Ende ist, das ist besonders bitter, die am besten dokumentierte Phase seines gesamten Lebens, minuti\u00f6s und zweifelsfrei erfasst. Kleists Suizid ist der gro\u00dfe und farbige Skandal zum Schluss, der diesen Dichter vielen seiner Zeitgenossen \u00fcberhaupt erstmals ins Bewusstsein r\u00fcckte. Sein Suizid machte ihn wom\u00f6glich \u00fcberhaupt erst ber\u00fchmt. Dabei war es sicher nicht die gr\u00f6\u00dfte Tat seines Lebens, ganz sicher aber seine spektakul\u00e4rste und wom\u00f6glich die mit der gr\u00f6\u00dften Gelassenheit durchgef\u00fchrte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die M\u00fcnchner Ausgabe der Werke Kleists habe ich ja hier schon gef\u00fchlte tausend Mal gelobt, ein letztes Lob sei hier noch erlaubt: Von der Meldung von Polizeirat Meyer \u00fcber die Obduktionsberichte und der Geb\u00fchrenaufstellung daf\u00fcr bis hin zur Eingabe Marie &hellip; <a href=\"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/02\/05\/abschied-vom-dickkopf\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[21,11,30],"class_list":["post-486","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-und-ueberhaupt","tag-gewalt","tag-prinz-friedrich-von-homburg","tag-suizid"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/486","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=486"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/486\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":490,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/486\/revisions\/490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=486"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=486"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=486"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}