{"id":54,"date":"2011-01-08T21:22:52","date_gmt":"2011-01-08T20:22:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=54"},"modified":"2012-03-01T18:20:58","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:58","slug":"lebensentwuerfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/01\/08\/lebensentwuerfe\/","title":{"rendered":"Lebensentw\u00fcrfe"},"content":{"rendered":"<p>Kleist ist 21, als er erstmals hinschmei\u00dft. Die klassische Karriere f\u00fcr einen jungen, verm\u00f6genden Adligen aus gutem Hause ist das Milit\u00e4r, und Kleist h\u00e4tte dort sicher, Preu\u00dfens Konflikte hin oder her, ein halbwegs entspanntes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In seinem <a title=\"Brief an Christian Ernst Martini auf kleist.org\" href=\"http:\/\/www.kleist.org\/briefe\/003.htm\" target=\"_blank\"><em>Brief an Christian Ernst Martini<\/em><\/a>, seinen alten Hauslehrer, von M\u00e4rz 1799, aus dem sich gr\u00f6\u00dfere Passagen in <a title=\"Aufsatz, den sichern Weg des Gl\u00fcckes zu finden\" href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/01\/15\/kleist-schreibt-uber-das-glueck\/\">Kleists Aufsatz \u00fcber das Gl\u00fcck<\/a> wiederfinden, versucht Kleist sich auf r\u00fchrende Art f\u00fcr seinen Entschluss zu rechtfertigen, und vielleicht ist dies der erste Brief, der ihn uns wie ein Zeitgenosse erscheinen l\u00e4sst.<!--more--><\/p>\n<p>Der Brief umfasst \u00fcber 14 Druckseiten, er hat ihn \u00fcber mehrere Tage geschrieben, und er holt ganz gro\u00df aus: Seitenlang versucht Kleist, einen gro\u00dfen Begriff wie das Gl\u00fcck zu definieren und scheitert, auch nach eigenem Daf\u00fcrhalten. Er versucht \u00fcber Tugend zu schreiben und schafft es nicht, den Begriff einzugrenzen. Immer wieder ist sp\u00fcrbar: Kleist versucht, seine K\u00fcndigung und seinen Entschluss zu studieren vor sich selbst wortreich zu rechtfertigen. Mathematik und Latein geh\u00f6ren zu den F\u00e4chern, die ihm vorschweben, F\u00e4cher, die schon damals als brotlose Kunst verschrieen sind. Er hat sich bereits von seinen Verwandten einiges dazu anh\u00f6ren m\u00fcssen, und auch Martini hat ihn gebeten, seinen Entschluss noch einmal zu \u00fcberdenken. Kleist rechnet seinem Lehrer hoch an, dass er nicht versucht hat, ihn ihm auszureden, man sp\u00fcrt, dass er sich von Martini eher ernstgenommen f\u00fchlt als von seinen Verwandten, f\u00fcr die er verbl\u00fcffend ver\u00e4chtliche Worte findet.<\/p>\n<p>Eine Entscheidung ist das gegen sichere Vollzeitarbeit mit geregelten Rentenanspr\u00fcchen f\u00fcr ein Leben im Prekariat. Kleist ist zuversichtlich, dass er irgendwie schon Geld verdienen wird, er f\u00fchlt sich f\u00fcr nichts zu schade, irgendwie will er sich wohl mit Jobben durchschlagen. Er entscheidet sich gegen eine zielgerichtete Berufsausbildung. Er will ein Studium Generale, keinen schnellen Bachelor in sechs Semestern. Seine Entscheidung ist damals wie heute mutig.<\/p>\n<p>Sein erster Lebensentwurf ist mit 21 gescheitert, der zweite wird es auch tun. Das Suchen nach Halt wird eine der wenigen Konstanten in Kleists Leben bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleist ist 21, als er erstmals hinschmei\u00dft. Die klassische Karriere f\u00fcr einen jungen, verm\u00f6genden Adligen aus gutem Hause ist das Milit\u00e4r, und Kleist h\u00e4tte dort sicher, Preu\u00dfens Konflikte hin oder her, ein halbwegs entspanntes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. 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