{"id":69,"date":"2011-01-15T20:37:58","date_gmt":"2011-01-15T19:37:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/?p=69"},"modified":"2012-03-01T18:20:58","modified_gmt":"2012-03-01T17:20:58","slug":"kleist-schreibt-uber-das-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/01\/15\/kleist-schreibt-uber-das-glueck\/","title":{"rendered":"Kleist schreibt \u00fcber das Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Es ist unklar, aus welchem Anlass und wann genau Kleist seinen <em><a title=\"\u201eAufsatz, den sichern Weg des Gl\u00fcckes zu finden\u201c bei kleist.org\" href=\"http:\/\/www.kleist.org\/texte\/AufsatzDenSichernWegDesGluecksZuFindenL.pdf\" target=\"_blank\">Aufsatz, den sichern Weg des Gl\u00fcckes zu finden und ungest\u00f6hrt \u2013 auch unter den gr\u00f6\u00dften Drangsahlen des Lebens, ihn zu genie\u00dfen!<\/a><\/em> schrieb. Ver\u00f6ffentlicht wurde er zu Lebzeiten nicht.<\/p>\n<p><!--more-->In den Anmerkungen schreiben Reu\u00df und Staengle:<\/p>\n<blockquote><p>Der Wortlaut des Aufsatzes stimmt in seinem Eingang passagenweise mit dem Brief \u00fcberein, den Kleist am 18. \/ 19. M\u00e4rz 1799 an Christian Ernst Martini \u00fcbersandte. Ob der Aufsatz bereits vorlag, als der Brief geschrieben wurde, oder, ob, umgekehrt, eine \u00dcberarbeitung des Briefes darstellt, l\u00e4\u00dft sich auf der Basis der erhaltenen Dokumente nicht kl\u00e4ren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf jeden Fall gilt: Ob ich mich, akut in einer Lebenskrise steckend und angegriffen von meinen Verwandten wegen meiner Entscheidung, den Milit\u00e4rdienst zu quittieren, mit Ausf\u00fchrungen \u00fcber das Gl\u00fcck und das Leben an sich an meinen alten Hauslehrer wende (vgl. den Artikel <a title=\"Lebensentw\u00fcrfe\" href=\"http:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/01\/08\/lebensentwuerfe\/\">\u201eLebensentw\u00fcrfe\u201c<\/a>) \u2013 oder ob ich meinem besten, drei Jahre j\u00fcngeren Freund einen Aufsatz widme zum Thema Gl\u00fcck: Das ist etwas v\u00f6llig anderes. Der Aufsatz ist, im Gegensatz zum Brief an Martini, abgehoben von Kleists eigener Krisensituation, und seine Ausf\u00fchrungen, nun in einem ganz anderen Zusamenhang, gewinnen an Ruhe und Klarheit.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck hat, so Kleist, nichts mit \u00e4u\u00dferem Wohlstand zu tun, gl\u00fccklich k\u00f6nnen nur Menschen sein, die tugendhaft leben. Tugenden sind <em>z. B. Edelmuth, Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit, Gen\u00fcgsamkeit &amp;c.<\/em>, und der Hinweis von Reu\u00df und Staengle dazu in den Anmerkungen ist sehr h\u00fcbsch, weisen sie doch darauf hin, dass \u201eMenschenliebe \/ Standhaftigkeit \/ Bescheidenheit \/ drey himmlische Geschwister\u201c auf einem Denkmal in Kleists Heimatstadt Frankfurt \/ Oder stand. Seine Vorstellung von Tugenden kam also aus zweiter Hand, und so liest sich in diesem Aufsatz vieles: angelesen, ein bisschen selbstverliebt in das eigene Schreiben, etwas altklug. Der Mann hat ein Mitteilungsbed\u00fcrfnis, und das relativ lang, bevor er sich entschlossen hat, Schriftsteller zu werden.<\/p>\n<p>Eigenartig seine These vom <em>Gl\u00fccksvorrath<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Auch scheints, als ob die Summe der gl\u00fccklichen und ungl\u00fccklichen Zuf\u00e4lle im Ganzen f\u00fcr jeden Menschen gleich bleibe. (&#8230;) Oft verpra\u00dft (&#8230;) ein J\u00fcngling in ein paar Jugendjahren den Gl\u00fccksvorrath seines ganzen Lebens, und darbt dann im Alter; und da Ihre Jugendjahre, mehr noch als die meinigen, so freudenleer verflo\u00dfen sind, ob Sie gleich eine tiefgef\u00fchlte Sehnsucht nach Freude in sich tragen, so n\u00e4hren und st\u00e4rken Sie die Hoffnung auf sch\u00f6nere Zeiten, denn ich getraue mich, mit einiger, ja mit gro\u00dfer Gewi\u00dfheit Ihnen eine frohe und freudenreiche Zukunft vorher zu k\u00fcndigen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Unwillk\u00fcrlich sehe ich mein Leben als Excel-Tabelle vor meinem geistigen Auge und schaue mir meine bisherige pers\u00f6nliche Gl\u00fccksbilanz an \u2013 ein schwieriges Konzept, auch und gerade im R\u00fcckblick auf Kleist selbst angewendet.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch sehr anr\u00fchrende Momente in diesem langen Text. An einigen Stellen schreibt Kleist mit einem gro\u00dfen, emphatisch vorgetragenen Lebensoptimismus, und ich habe den Eindruck, er hat wirklich geglaubt an das, was er da schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>(&#8230;) Sehen Sie sich an, den an Kenntni\u00dfen bereicherten, an Herz und Geist durch Erfahrung und Th\u00e4tigkeit gebildeten Mann. Denn Bildung mu\u00df der Zweck unserer Reise sein und wir m\u00fc\u00dfen ihn erreichen, oder der Entwurf ist so unsinnig wie die Ausf\u00fchrung ungeschickt.<br \/>\nDann, mein Freund, wird die Erde unser Vaterland, und alle Menschen unsre Landsleute sein. Wir werden uns stellen und wenden wohin wir wollen, und immer gl\u00fccklich sein. Ja wir werden unser Gl\u00fcck zum Theil in der Gr\u00fcndung des Gl\u00fccks Anderer finden, und andere bilden, wie wir bisher selbst gebildet worden sind.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich bin ziemlich sicher, Kleist hat zuerst den Brief an seinen Lehrer Martini geschrieben \u2013 zweckgebunden, aus der Krise heraus, sein Verhalten vor seiner Umwelt und nat\u00fcrlich auch sich selbst rechtfertigend. Die in seinen Augen sch\u00f6nsten Passagen hat er dann als Grundlage f\u00fcr seinen ersten gro\u00dfen theoretischen Aufsatz verwendet und damit ins Universelle \u00fcberf\u00fchrt, durchaus klarer in der Gedankenf\u00fchrung und universeller in der Gesamtaussage. Aber, halten wir das auch noch einmal fest, mit Lebenserfahrung und wirklich klugen eigenen Gedanken nicht wirklich unterf\u00fcttert, relativ schnell hingehauen und grammatikalisch und sprachlich nicht nur in der oben zitierten Passage nicht ganz auf der H\u00f6he. Aber wir ahnen: Von dem Herrn werden noch einige Texte zu erwarten sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist unklar, aus welchem Anlass und wann genau Kleist seinen Aufsatz, den sichern Weg des Gl\u00fcckes zu finden und ungest\u00f6hrt \u2013 auch unter den gr\u00f6\u00dften Drangsahlen des Lebens, ihn zu genie\u00dfen! schrieb. Ver\u00f6ffentlicht wurde er zu Lebzeiten nicht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23,7],"tags":[18,25,24,19],"class_list":["post-69","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufsaetze","category-briefe","tag-entscheidungen","tag-freunde","tag-glueck","tag-lebensentwuerfe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=69"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":555,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69\/revisions\/555"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=69"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=69"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.martinfueg.de\/mein-kleistjahr\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=69"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}