Auf Tour (1): Bewegung und Entspannung am Kleinen Wannsee

Ich war in Berlin und Frankfurt / Oder letzte Woche, wie angekündigt, und ich habe viel gesehen und erlebt, mein Kopf ist noch ganz voll davon.

Kleists Grab in Berlin September 2011: Eine BaustelleMein erster Weg führte mich an Kleists Grab am Kleinen Wannsee – oder an das, was davon z.Zt. zu sehen ist, die besagte Stelle am Kleinen Wannsee ist eine einzige Baustelle, die Neugestaltung der viel­gescholtenen Gedenkstätte ist in vollem Gange, Mitte Oktober sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Die heute etwas absurd anmutende Umgebung des Grabs ist in zahlreichen Berichten bereits anschaulich geschildert worden, z.B. in der schönen Reportage „Der Uferlose“, den Jenny Hoch für den Reiseteil der Süddeutschen Zeitung am 21. Juli schrieb. Hoch fand damals noch das alte, unscheinbare Grab vor, von dem inzwischen nichts mehr übrig ist. Ansonsten schildert sie sehr genau, wie sich rund um den Ort von Kleists Tod alles, wirklich alles verändert hat. Riesige Villen sind in der Umgebung entstanden, in denen Menschen wohnen, die nur Initialen auf ihre Messingklingelschilder gravieren lassen; auch die eine oder andere Praxis ist darunter. „Bewegung und Entspannung am Kleinen Wannsee“ verspricht z.B. das Schild einer Physiotherapiepraxis, die Aufschrift könnte auch als leicht zynisches Motto der letzten Stunden von Kleist und Henriette Vogel dienen, die nur wenige Meter entfernt die wahrhaft ultimative Entspannung suchten und fanden.

Vor dem Bauzaun stehend hatte ich eine beglückende Erfahrung mit einem älteren Herrn, der zu einem der Bootsclubs in der Nachbarschaft gehörte und sich zugleich als Kleistkenner und -fan zu erkennen gab. Wir waren uns einig in den Zweifeln an der Neugestaltung des Grabs, auch ihm erschien der Entwurf als zu pompös. Es war schön, bei strahlendem Sonnenschein mit ihm an diesem Bauzaun zu stehen und über Kleist zu reden; und am Ende gab er mir noch den Tipp, das nur wenige Kilometer weiter liegende Dorf Kohlhasenbrück zu besuchen, in dem zwar nicht der historische Hans Kohlhase gelebt hat, wohl aber Kleist seinen Michael Kohlhaas ansiedelte. Es war nicht der letzte Moment an diesem Wochenende, an dem Kleists Werke plötzlich sehr konkret wurden.

Ob die Berliner sich und den Kleist­grabpilgern mit der neuen Gedenkstätte einen Gefallen tun, weiß ich nicht, noch ist zuwenig von der neuen Gestaltung zu sehen, um dazu etwas abschließend sagen zu können. Ahnen kann man bereits die Größe der Anlage, und die ist, besonders im Vergleich natürlich zur Vorgängerlösung, gigantisch. Mein erster Gedanke angesichts der Baustelle und der Entwurfsfotomontage auf der Bautafel: Da haben ein paar Leute ein richtig schlechtes Gewissen gegenüber dem Herrn. Ich empfand die schiere Größe der Anlage als deutlich überdimensioniert.

Kleist taugt in meinen Augen nicht zum deutschen Großdichter, den diese Grabstätte wohl suggerieren wird. Sein hinterlassenes Werk, sein Leben sind zu widersprüchlich und disparat. Kleist ist kein Goethe, der sich schon zu Lebzeiten zum größten Dichter der Deutschen stilisierte und in seinen letzten Jahren nur noch mit imaginärem aufgesetzten Lorbeerkranz Audienzen gab. Kleists Ende am Ufer des „Stolpschen Lochs“, wie der Kleine Wannsee damals passend hieß, war, wie jeder Suizid, jämmerlich, da helfen alle euphemistischen Verklärungen des „Freitods“ gar nichts. Die neue, sündhaft teure Grabstelle, befürchte ich, wird einer falschen Verklärung von Kleist und seinem Ende Vorschub leisten.

 

Über martinfueg

Martin Füg studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft in Bonn und Erlangen. In Erlangen gründete und leitete er gemeinsam mit Kerstin Bürger und Patrick Fuchs das Freie Theater DWARD. 1999 löste sich DWARD auf. Seit 2000 lebt und arbeitet Martin Füg in Köln. Von 2004 bis 2012 war er Vorsitzender des Bach-Vereins Köln.
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